Der Zugang zu Technologie ist im geopolitischen Wettbewerb längst zum Machtinstrument geworden. Bei Unternehmen und Staaten besteht daher zunehmend der Wunsch nach digitaler Souveränität. Doch ist das Thema auch in der Öffentlichkeit angekommen? Eine aktuelle Deloitte-Befragung1 zeigt: Auch wenn nur 16 Prozent der Deutschen mit dem Begriff „digitale Souveränität“ etwas anzufangen wissen, sind Sorgen in diesem Kontext weit verbreitet. Ausgeprägt ist auch das Interesse an deutschen Technologieprodukten, für die 40 Prozent der Befragten einen signifikanten Mehrpreis zahlen würden.
Digital souveräne Staaten oder Unternehmen besitzen die Fähigkeit, eigenständig und ohne technologische Abhängigkeiten von anderen Akteuren im digitalen Raum agieren zu können. Entscheidend dafür ist beispielsweise der freie Zugang zu Rohstoffen, Patenten, Produktionskapazitäten oder Rechenzentren. Dies ist in Deutschland und Europa längst nicht überall der Fall. So stagniert der Umsatzanteil heimischer Anbieter am europäischen Cloud Markt bei gerade einmal 15 Prozent[2]. Unter den in Europa erfolgreichsten Smartphone-Herstellern findet sich inzwischen kein einziger lokaler Player mehr[3]. Und die vorhandene Abhängigkeit von asiatischen Halbleitern zeigt aktuell die Sorge um Lieferengpässe, die zu stillstehenden Bändern deutscher Automobilhersteller führen könnten.
Die Problematik steht sowohl in der Politik als auch bei Unternehmen sehr weit oben auf der Agenda, und viele Maßnahmen drehen sich bereits um die Erlangung digitaler Souveränität. Damit wurde das Thema regelmäßig auch Gegenstand der medialen Berichterstattung, beispielsweise bei der öffentlichen Diskussion um die Ansiedlung von Chipfabriken oder den Bau neuer Rechenzentren. Doch auch Meldungen über fragile Lieferketten oder den fehlenden Zugang zu kritischen Rohstoffen tragen die Diskussion in die breite Masse.
Tatsächlich führt die derzeitige Situation bei einem beachtlichen Teil der Deutschen zu Beunruhigung. Die Ergebnisse des aktuellen Deloitte Consumer Spotlight Survey belegen, dass sich die Hälfte der Befragten Sorgen über die Abhängigkeit von ausländischen Technologiekonzernen macht. Nur 17 Prozent sehen diesbezüglich keine Probleme (s. Abb. 1). Die Unsicherheit um Deutschlands digitale Souveränität hat zuletzt sogar weiter zugenommen: Jeder Zweite macht sich diesbezüglich mehr Sorgen als noch vor einem Jahr.
Das negative Stimmungsbild belegen weitere Zahlen: Gerade einmal 15 Prozent der Deutschen glauben, dass sich der wahrgenommene Rückstand bei Technologieprodukten wie Software, Smartphones oder Cloud-Diensten noch aufholen lässt. Und 50 Prozent der Befragten fehlt es an Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit von deutschen Technologieprodukten.
Abb. 1 – Jeder Zweite sorgt sich um Deutschlands technologische Unabhängigkeit und sieht das Land bereits digital abgehängt.
Im deutschen Consumer-Technology-Segment sind Konzerne aus Fernost und Nordamerika längst dominierende Anbieter. In vielen Bereichen sind Produkte „made or engineered in Germany“ sogar echte Mangelware. Dabei wäre Verbraucherinteresse vorhanden: Jeder Zweite würde grundsätzlich Technologieangebote aus Deutschland präferieren. Vier von zehn der Befragten wären sogar bereit, für diese bei gleicher Leistungsfähigkeit beachtliche 20 Prozent mehr zu zahlen als für ausländische Konkurrenzprodukte. Allerdings sind es auch vier von zehn, die nicht zuletzt wegen des niedrigeren Preises weiterhin Smartphones aus Asien oder Nordamerika kaufen (s. Abb. 2).
Abb. 2 – Deutsche Technologieprodukte hätten einen Heimvorteil und würden auf zusätzliche Zahlungsbereitschaft treffen.
Viele Deutsche sorgen sich um die digitale Unabhängigkeit ihres Landes. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich weitergehender mit dieser Thematik beschäftigen. So herrscht beispielsweise ein Informationsdefizit, was die Herkunft jener Smartphones, Softwarelösungen oder Cloud-Dienste angeht, die aktuell in den Haushalten genutzt werden. 72 Prozent wissen nicht oder nur teilweise, aus welchen Ländern deren Anbieter stammen, oder geben an, sich darüber keine Gedanken zu machen. Dagegen sind nicht einmal drei von zehn der Befragten diesbezüglich informiert (s. Abb. 3).
Abb. 3 – Die Herkunft aktuell genutzter Consumer-Tech-Angebote ist häufig unbekannt.
Frage: Wissen Sie, aus welchen Ländern die Unternehmen stammen, deren digitale Technologien/Produkte Sienutzen?
Auch der Begriff „Digitale Souveränität“ ist längst nicht allen geläufig. Auch wenn das Thema in Politik, Unternehmen und bei Experten sehr präsent ist, so haben nur 16 Prozent der Deutschen nach eigenen Angaben entsprechendes Hintergrundwissen. Gehört haben den Begriff immerhin schon sechs von zehn der Befragten (s. Abb. 4).
Abb. 4 – Gerade einmal 16 Prozent der Deutschen können etwas mit dem Begriff „digitale Souveränität“ anfangen.
Frage: Welche der Antworten im Zusammenhang mit dem Begriff „Digitale Souveränität“ trifft auf Sie zu?
Die wesentlichen Akteure bei der Schaffung von digitaler Souveränität sind Politik und Unternehmen. Dennoch darf die Rolle der Verbraucherinnen und Verbraucher in diesem Kontext nicht unterschätzt werden. Denn deren Meinungsbild sendet starke Signale an Politik und Wirtschaft – und kann die Veränderungsdynamik auf dem Weg zu mehr digitaler Eigenständigkeit gleichermaßen forcieren oder bremsen.
Tatsächlich erlauben die im Rahmen der Studie ermittelten Stimmungen und Präferenzen Rückschlüsse für relevante Entscheider:
1. Politik und Unternehmen stehen mit dem Bestreben
nach digitaler Souveränität nicht allein da. Auch die Verbraucherseite sieht
Abhängigkeiten von ausländischen Technologieanbietern mit Sorge – und wird absehbar auch weitreichendere Entscheidungen zur Stärkung der digitalen Souveränität mittragen.
2. Der Konsumentenwunsch nach heimischen
Technologieprodukten ist ausgeprägt und ein relevanter Selling Point. Die
vorhandene Nachfrage dürfte dabei auf manche Angebotslücke im Bereich Consumer Technology treffen – die zu schließen deutsche oder europäische Anbieter gezielt prüfen sollten.
3. Zusätzliche Zahlungsbereitschaft für Tech-Produkte „Made in Germany“ ist vorhanden und signifikant, muss aber richtig eingeschätzt werden. Von der geäußerten Absicht zum tatsächlichen Kauf ist es typischerweise ein großer Schritt – den zu initiieren es aber unbedingt überzeugender Angebote bedarf.
4. Die Deutschen reagieren auf technologische Abhängigkeiten mit Sorge, aber auch mit Fatalismus. Offenkundig fehlt es auf Verbraucherseite oft an Digitalkompetenz, die nicht nur Probleme, sondern auch passende Alternativen erkennen lässt – und so digitale Souveränität mit gezieltem Nutzungsverhalten unterstützt.
5. In der Bevölkerung fehlt es am Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der deutschen Technologieindustrie. Vorhandene Stärken, beispielsweise im Bereich von Forschung oder industrieller Digitalisierung, werden deutlich unterschätzt – und sollten von den relevanten Stakeholdern selbstbewusster hervorgehoben werden.
[1] Im Rahmen einer repräsentativen Online-Erhebung wurden 1.000 Personen aus Deutschland im Oktober 2025 befragt.
[2] https://www.srgresearch.com/articles/european-cloud-providers-local-market-share-now-holds-steady-at-15, abgerufen am 28.10.2025
[3] Mobile Vendor Market Share Germany | Statcounter Global Stats, abgerufen am 28.10.2025
Die Deloitte Industry Briefings analysieren Themen, die die Branchen bewegen, um kurzfristig und agil auf aktuelle Markentwicklungen und Branchenthemen reagieren zu können.