Stresstests helfen dabei, die Belastbarkeit von Geschäftsmodellen sowie der Kapital- und Liquiditätsausstattung unter extremen Bedingungen zu bewerten, wie sie bei äußerst seltenen, schwer vorhersehbaren Ereignissen – sogenannten „Black Swan Events“ – mit weitreichenden Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft auftreten, beispielsweise bei Pandemien und Energiekrisen. Auch geopolitische Spannungen wie der US-induzierte Zollstreit oder staatliche Interventionen können sich zu ernsthaften Belastungstests für die Energiewirtschaft entwickeln. Durch die Definition plausibler Stressszenarien lassen sich Schwachstellen identifizieren und gezielt adressieren. Methodisch kann dies durch die vollständige Neubewertung von Aktiva und Passiva auf Basis der gestressten Risikoparameter erfolgen.
Vorherrschende Risikomess- und Risikosteuerungsinstrumente wie Sensitivitätsanalysen, Value-at-Risk (VaR) und Profit-at-Risk (PaR) liefern wertvolle Erkenntnisse in einem stabilen Marktumfeld. Sie sind jedoch konzeptionell nicht darauf ausgelegt, die Auswirkungen extremer Ereignisse umfassend abzubilden. Stresstests schließen die Lücke, indem sie außergewöhnliche, aber plausible Szenarien simulieren, um die Robustheit der Kapital- und Liquiditätsausstattung sowie der Ertragslage des Unternehmens systematisch zu überprüfen.
Im Zuge der Energiewende entstehen neue Produkte und Geschäftsmodelle wie grüne Power Purchase Agreements (PPAs), Batteriespeicher oder Flexibilitätsvermarktung, die mit spezifischen Risiken verbunden sind. Gerade für diese neuen Themen tragen Stresstests wesentlich dazu bei, relevante Risiken frühzeitig zu erkennen und die Widerstandsfähigkeit unter veränderten Marktbedingungen gezielt zu bewerten.
Der Mehrwert von Stresstests liegt nicht nur in der frühzeitigen Risikoerkennung, sondern auch in der Ableitung konkreter Maßnahmen zur Risikosteuerung. So können die identifizierten Schwachstellen gezielt adressiert und Handlungsoptionen hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Umsetzbarkeit bewertet werden.
Stresstesting-Programme bestehen in der Regel aus mehreren Arten von Stresstests, um unterschiedliche Risiken, Perspektiven und Wechselwirkungen zu analysieren. Die Kombination verschiedener Ansätze ermöglicht eine umfassende Bewertung der Risikosituation.
Mit univariaten Stresstests werden die Auswirkungen einer Veränderung eines einzelnen Risikofaktors ermittelt, beispielsweise eine Verschiebung der Strompreis-Forward-Kurve. Univariate Stresstests sind einfach durchzuführen, leicht zu interpretieren und daher weit verbreitet. Für nicht-lineare Produkte wie Optionen oder strukturierte Handelsprodukte sind auch bivariate Stresstests sinnvoll. Dabei werden zwei Risikofaktoren gleichzeitig verändert, etwa der Preis des Underlyings und die Volatilität.
Um Interdependenzen zwischen Risikofaktoren innerhalb einer Risikoart sichtbar zu machen und deren kombinierte Auswirkungen auf Portfolios oder Geschäftsbereiche zu bewerten, werden multivariate Stresstests eingesetzt. Dabei werden mehrere Risikofaktoren gleichzeitig verändert – beispielsweise Strom-, Gas- und CO₂-Preise. Insbesondere übergreifend über Portfolios und Geschäftsbereiche lassen sich so sowohl verstärkende als auch kompensatorische Effekte identifizieren, die bei isolierter Betrachtung einzelner Risikofaktoren verborgen bleiben können.
Risikoartenübergreifende Stresstests ermöglichen die Bewertung von Szenarien mit unternehmensweiten Auswirkungen auf die Finanz-, Ertrags- und Vermögenslage. Diese Testart ist besonders relevant für die strategische Risikosteuerung, da sie Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Risikoarten sichtbar macht, die bei der getrennten Betrachtung der einzelnen Risikoarten möglicherweise übersehen werden. Typische Szenarien umfassen eine Kombination aus starken Preisbewegungen und erhöhter Volatilität, den Ausfall bedeutender Gegenparteien, sprunghafte Anforderungen an Sicherheiten (Collateral Calls), operationelle Risiken sowie politische oder regulatorische Eingriffe.
Die Veränderung der Risikofaktoren in Stresstests kann entweder parametrisch oder auf Basis historischer Beobachtungen erfolgen. Parametrische Stresstests bieten den Vorteil, dass sie einfach definiert und interpretiert werden können, beispielsweise die Auswirkung einer Parallelverschiebung der Strompreis-Forward-Kurve. Zudem erlauben sie den Vergleich der Ergebnisse über Portfolios und Geschäftsbereiche hinweg.
Aus historischen Beobachtungen abgeleitete Szenarien bilden dagegen reale Krisenfälle ab und bieten den Vorteil, dass sie realistische Ausprägungen widerspiegeln. Ereignisse wie die COVID19-Pandemie oder die Energiekrise der Jahre 2022/2023 können als in sich konsistente risikoartenübergreifende Szenarien herangezogen werden. Voraussetzung ist, dass das ausgewählte Krisen-Szenario ausreichend advers ausgeprägt ist. Daher ist die Auswahl eines geeigneten Szenarios abhängig vom Geschäftsmodell sowie der Risikopositionierung des eigenen Unternehmens.
Inverse oder sogenannte Reverse Stresstests kehren die Perspektive um: Ausgehend vom verfügbaren Risikodeckungspotenzial wird ermittelt, welche maximale Veränderung eines oder mehrerer Risikofaktoren gerade noch tragbar wäre, bevor die Risikotragfähigkeit überschritten wird. Dieser Ansatz hilft dabei, kritische Belastungsgrenzen transparent zu machen.
Abbildung 1: Stresstestarten im Überblick (eigene Darstellung)
Für eine vollständige Risikoanalyse werden die zuvor beschriebenen Stresstests in einem strukturierten Stresstesting-Programm zusammengeführt. Hierzu zählt auch die Definition einer effektiven und praktikablen Governance. Dazu gehören klar zugewiesene Verantwortlichkeiten, die Integration in bestehende Prozesse der Risikoüberwachung und -berichterstattung sowie die regelmäßige Überprüfung der Angemessenheit der Szenarien. Letzteres ist entscheidend, um das Programm an ein sich wandelndes Marktumfeld, neue Produkte oder geänderte Geschäftsstrategien anzupassen.
Neben regelmäßig durchzuführenden Stresstests sind auch Ad-hoc-Stresstests ein wichtiger Bestandteil eines wirksamen Stresstesting-Programms. Sie ermöglichen eine zeitnahe Reaktion auf plötzlich auftretende Risikosituationen – etwa bei starken Marktverwerfungen, politischen Ereignissen oder operativen Zwischenfällen.
Auf Basis der Stresstestergebnisse können potenzielle Maßnahmen identifiziert und hinsichtlich ihrer Durchführbarkeit und Effektivität bewertet werden. Die priorisierten Maßnahmen bilden eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung von Steuerungsmechanismen und Notfallplänen. Darüber hinaus sollten die Ergebnisse in die Risikotragfähigkeitsbetrachtung einfließen, um die Belastbarkeit des Unternehmens unter Stressbedingungen ganzheitlich zu beurteilen.
Das Stresstesting-Programm sollte auf die spezifische Geschäftstätigkeit und das Marktumfeld des Unternehmens abgestimmt sein, um eine zielgerichtete Risikomessung und -überwachung zu implementieren. Dabei sind sowohl marktweite als auch unternehmensspezifische Einflussfaktoren zu berücksichtigen. Abgeleitet vom Proportionalitätsprinzip, das in den „Mindestanforderungen an das Risikomanagement“ (MaRisk) für Finanzinstituten verankert ist, gilt: Die Ausgestaltung der Stresstests muss sich an Art, Umfang und Risikogehalt der Geschäftstätigkeit orientieren.
Sinnvoll definierte Stresstests schließen die Lücke der gängigen Risikomessinstrumente und veranschaulichen die Risikosituation unter extremen Marktbedingungen. Gerade im Energiemarkt, der von hoher Volatilität, struktureller Transformation und geopolitischen Risiken geprägt ist, bieten Stresstests entscheidende Erkenntnisse über die Robustheit des Unternehmens. Dies gilt insbesondere bei der Integration neuer Geschäftsfelder und Produkte, wie grüner PPAs und Batteriespeicher, die durch lange Vertragslaufzeiten und komplexe Risikoprofile gekennzeichnet sind. Stresstests bilden zudem den Ausgangspunkt für wirksame Risikominderungsmaßnahmen, die im Krisenfall gezielt durchgeführt werden können.
Mit unserer Erfahrung aus Beratungs- und Prüfungstätigkeit in der Energiewirtschaft und Finanzindustrie unterstützen wir Sie beim Aufbau eines pragmatischen und effektiven Stresstesting-Programms. Von der Entwicklung geeigneter Stress-Szenarien über die Implementierung bis hin zur Integration in Ihr bestehendes Risikomanagementsystem bieten wir Ihnen einen ganzheitlichen Ansatz – orientiert an Best Practices und individuell auf Ihre Situation zugeschnitten.
Kontaktieren Sie uns – wir freuen uns auf den Austausch.
Autor
David Schindler
Senior Manager I Financial Risk – Energy Trading & Risk Management