Das Abkommen zwischen der Europäischen Union und den südamerikanischen Staaten des MERCOSUR schafft eine der größten Freihandelszonen der Welt und beseitigt mehr als 90 Prozent der Zölle auf gehandelte Waren zwischen den beteiligten Regionen. Besonders relevant ist dabei die Öffnung Brasiliens, des mit großem Abstand wichtigsten EU-Handelspartners der MERCOSUR-Staaten. Nach Deloitte-Berechnungen könnten die deutschen Automobilexporte nach Brasilien infolge der Zollsenkungen langfristig um rund 150 Prozent steigen. Der Exportwert würde damit von 1,6 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf knapp vier Milliarden Euro innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre steigen. Deutsche Automobilunternehmen müssen die entstehenden Wettbewerbsvorteile konsequent nutzen und ihre Marktposition in Brasilien gezielt ausbauen, um sich insbesondere im dynamisch wachsenden Elektrofahrzeugsegment gegenüber chinesischen Anbietern zu etablieren.
Trotz der erheblichen Größe des Automobilmarkts spielt Brasilien für deutsche Automobilexporte bislang nur eine Nebenrolle. So entfielen 2025 lediglich 0,7 Prozent der deutschen Pkw-Ausfuhren auf Brasilien.1 Auch der Exportwert deutscher Automobilteile und -komponenten liegt bei unter einem Prozent.2 Ein wesentlicher Grund dafür waren die bislang hohen Einfuhrzölle auf Fahrzeuge (35%) und Komponenten (bis zu 18%). Das Abkommen wird diese nun schrittweise abbauen.
Das Handelsabkommen zwischen der EU und den vier MERCOSUR-Gründungsstaaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay wurde bereits am 17. Januar 2026 in Paraguay unterzeichnet. Es besteht aus einem umfassenden Partnerschaftsabkommen sowie einem Interimsabkommen, das bereits vorläufig angewendet wird.3 Dadurch konnten die vereinbarten Zollsenkungen (Präferenzzollsätze) bereits zum 1. Mai 2026 in Kraft treten (s. Tab. 1).
Die Zollsenkungen im Automobilsektor erfolgen gestaffelt und unterscheiden sich nach Produktgruppe. Maßgeblich sind die im Abkommen definierten Abbaustufen. So sind Antriebskomponenten seit dem 1. Mai zollfrei einführbar, während Zölle auf Fahrzeugteile schrittweise reduziert werden und erst ab 2033 vollständig entfallen.
Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren können seit 1. Mai 2026 mit einer Reduktion um 50 Prozent der bisherigen Zölle (35%) nach MERCOSUR eingeführt werden. Die Vergünstigung ist jedoch auf 50.000 Fahrzeuge begrenzt. Für Importe oberhalb dieses Kontingents gilt der bisherige Zollsatz weiterhin bis zum Jahr 2032. Außerdem enthält das Abkommen eine Schutzklausel (Safeguard-Maßnahme), die es Brasilien ermöglicht, den Zollsatz auf Fahrzeuge wieder auf bis zu 35 Prozent anzuheben, sofern die Importe aus der EU festgelegte Schwellenwerte überschreiten.
Neben dem Abbau von Zöllen und nicht-tarifären Handelshemmnissen verbessert das Abkommen für deutsche Automobilhersteller auch den Zugang zu kritischen Rohstoffen, insbesondere für die Batterieproduktion. Für die Automobilindustrie besonders relevant sind Brasilien als zweitgrößtes Förderland (nach China) von Naturgraphit mit einem weltweiten Anteil von acht Prozent sowie Argentinien, auf das etwa elf Prozent der globalen Lithiumverarbeitung entfallen.5
Brasilien ist treibende Kraft des südamerikanischen Automobilmarktes. Mit einem Pkw-Absatz von voraussichtlich 2,7 Millionen dieses Jahr und positiven Wachstumsperspektiven öffnet das Abkommen einen zusätzlichen Markt, der bereits annähernd die Größe des deutschen Pkw-Marktes mit rund 2,9 Millionen Fahrzeugen erreicht. Brasilien dominiert den südamerikanischen Automobilmarkt mit rund zwei Millionen verkauften Fahrzeugen. Bis 2030 könnte der Pkw-Absatz in Brasilien um rund ein Viertel (+700.000 Fahrzeuge) steigen (s. Abb. 1). Wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist die weiter steigende Motorisierungsrate.6
Mit einem Marktanteil von rund 20 Prozent und etwa 400.000 verkauften Pkw im Jahr 2025 zählen deutsche Fahrzeughersteller zu den wichtigsten Akteuren auf dem brasilianischen Automobilmarkt. Dabei sind sie sowohl im Volumensegment als auch im Premiumbereich stark vertreten.
Begünstigt wurde diese Position in den vergangenen Jahren durch die hohen Einfuhrzölle auf Fahrzeuge. Diese schufen starke Anreize für eine lokale Fertigung und führten dazu, dass deutsche Hersteller ihre Produktion sukzessive vor Ort ausbauten. Infolgedessen werden heute mehr als 90 Prozent der von deutschen OEMs in Brasilien verkauften Pkw lokal produziert.
Der brasilianische Pkw-Markt verzeichnet derzeit ein bemerkenswertes Wachstum. In den ersten vier Monaten des Jahres stiegen die Fahrzeugverkäufe gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 16,9 Prozent auf 834.000 Einheiten. Damit wurde der höchste Absatzwert für diesen Zeitraum seit 2015 erreicht.
Die Dynamik ist jedoch weniger auf konjunkturelle Impulse als vielmehr auf einen strukturellen Wandel des Marktes zurückzuführen. Insbesondere die Nachfrage nach elektrifizierten Antrieben nimmt deutlich zu. So haben sich die Verkäufe von batterieelektrischen Fahrzeugen im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt. Ihr Marktanteil erhöhte sich dadurch von drei auf sieben Prozent.
Treiber dieser Entwicklung sind vor allem chinesische Hersteller, die den Hochlauf der Elektromobilität in Brasilien maßgeblich prägen. Bereits jedes dritte von einem chinesischen OEM verkaufte Fahrzeug war im ersten Quartal 2026 rein elektrisch. Bei deutschen Herstellern lag der Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge hingegen bei weniger als einem Prozent. Die zunehmende Nachfrage nach elektrifizierten Fahrzeugen hat chinesischen Anbietern erhebliche Marktanteilsgewinne ermöglicht. Binnen eines Jahres erhöhte sich ihr Anteil von acht auf 14 Prozent. Zuge-winne erfolgten dabei vor allem auf Kosten japanischer Hersteller (-4,8 Prozentpunkte), während deutsche Hersteller ihren Marktanteil leicht ausbauen konnten (+0,7 Prozentpunkte).
Trotz der teilweise langen Übergangsfristen profitieren europäische Anbieter bereits heute von Präferenzzollsätzen und damit von einem Wettbewerbsvorteil gegenüber Anbietern aus Ländern ohne vergleichbare Handelsvergünstigungen.
Erste Zollsenkungen wirken sich unmittelbar positiv auf die Margen importierter Fahrzeuge deutscher OEMs im Brasiliengeschäft aus, die überwiegend dem Premiumsegment zuzuordnen sind. Seit Mai 2026 wurde der brasilianische Einfuhrzoll auf ein Kontingent von 32.000 Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor von 35 auf 17,5 Prozent reduziert. Da die deutschen Exporte nach Brasilien im Jahr 2025 bereits 23.341 Fahrzeuge erreichten7, eröffnet das Kontingent kurzfristig deshalb nur begrenzt Anreize für zusätzliche Exporte. Der Wegfall der Zölle auf Antriebskomponenten kann dazu beitragen, sowohl die Produktionskosten als auch die Reparaturkosten deutscher Fahrzeuge zu senken. Dadurch ergibt sich für deutsche Zulieferer ein Wettbewerbsvorteil.
Langfristig sieht das Abkommen den vollständigen Abbau der Zölle auf Fahrzeuge und Komponenten vor. Basierend auf der Analyse mit dem globalen Handelsmodell von Deloitte könnte das EU-MERCOSUR-Abkommen damit die deutschen Automobilexporte nach Brasilien deutlich steigern (s. Abb. 2).8. Da die Zölle schrittweise abgebaut werden (s. Tab. 1), dürften sich positive Handelseffekte auf die deutschen Automobilexporte nach Brasilien bereits mittelfristig bemerkbar machen.
Nach Deloitte-Berechnungen könnte der Wert der Ausfuhren von Fahrzeugen gegenüber 2025 um rund 1,16 Milliarden Euro beziehungsweise 152 Prozent steigen. Der Exportwert würde damit von rund 0,76 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf etwa 1,92 Milliarden Euro innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre steigen.
Auch bei Automobilteilen und Antriebskomponenten ist mit einem deutlichen Exportzuwachs zu rechnen. Die deutschen Ausfuhren könnten hier um rund 1,19 Milliarden Euro beziehungsweise 149 Prozent innerhalb der nächsten zehn Jahre steigen. Der Exportwert würde sich dadurch rechnerisch von rund 0,80 Milliarden Euro auf 1,99 Milliarden Euro erhöhen.
Insgesamt könnten die deutschen Exporte von Fahrzeugen und Automobilkomponenten nach Brasilien somit langfristig von rund 1,56 Milliarden Euro auf 3,91 Milliarden Euro zunehmen. Dies entspricht einem zusätzlichen Exportpotenzial von rund 2,35 Milliarden Euro und einem Wachstum von rund 151 Prozent gegenüber 2025 und zeigt, dass sich insbesondere die Integration deutscher Zulieferer in die brasilianische Automobilproduktion vertiefen dürfte.
OEMs und Zulieferer sollten die Auswirkungen der Zollsenkungen auf Absatz, Margen und Lieferketten kennen und bewerten sowie ihre Markt- und Produktionsstrategien entsprechend ausrichten. Um von den Zollvorteilen zu profitieren, sollten Unternehmen die Erfüllung der Ursprungsregeln prüfen, ihre Prozesse für Warenursprung und Zollpräferenzen aktualisieren und ggf. die REX-Registrierung nachholen.
Im Mittelpunkt steht dabei die beginnende Elektrifizierung der brasilianischen Fahrzeugflotte. Angesichts der wachsenden Nachfrage nach Elektrofahrzeugen besteht für deutsche Automobilhersteller das Risiko, in einem der wichtigsten Wachstumsmärkte Südamerikas Marktanteile an chinesische Wettbewerber zu verlieren. Deutsche Automobilhersteller sollten daher ihr Angebot an batterieelektrischen Fahrzeugen und Hybridfahrzeugen in Brasilien gezielt ausbauen.
Die Elektrifizierungsstrategie wird durch die Vorkommen kritischer Rohstoffe für die Batterieproduktion in Brasilien und Argentinien zusätzlich unterstützt. Beide Länder können damit sowohl für lokale als auch für globale Wertschöpfungsketten deutscher OEMs und Zulieferer im Bereich elektrischer Antriebe an Bedeutung gewinnen. Unternehmen sollten deshalb zusätzliche Bezugsquellen und Partnerschaften für kritische Rohstoffe in Brasilien und Argentinien prüfen, um ihre Rohstoffversorgung abzusichern und die Resilienz ihrer Lieferketten zu erhöhen.
Ines Österle | Automotive Research
Dr. Timo Walter | Economics
Ralf Esser | Leiter Sector Insights & Studies
Yannick Scheve | Global Trade Advisory