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Economic Trend Briefing: Das Potenzial der Freihandelsabkommen mit Mercosur und Indien für die deutsche Wirtschaft

Die deutsche Exportwirtschaft kämpft mit starkem Gegenwind auf ihren beiden wichtigsten Märkten, den USA und China. In beide Länder waren die Exporte 2025 stark rückläufig. Insbesondere jene nach China sind seit 2022 fast um ein Viertel zurückgegangen.1 Dies bedeutet eine Zäsur. Nach der Finanzkrise war China der wichtigste Wachstumsmarkt für die deutsche Wirtschaft, seit Ende des letzten Jahrzehnts nahmen die Exporte in die USA stark zu. Vor allem die US-Zölle werden die deutschen Exporteure in den nächsten Jahren belasten. In diesem Kontext sind für die deutsche Exportwirtschaft Neuorientierung und Diversifizierung unerlässlich.

Im aktuellen Economic Trend Briefing analysieren wir, inwiefern neue Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten und Indien die zu erwartenden Verluste im US-Markt ausgleichen können. Auf Basis eines globalen Handelsmodells erwarten wir, dass die Exporte in die USA mittelfristig2 um 22 Prozent zurückgehen werden, was einem Volumen von 35 Milliarden Euro entspricht.3 Gleichzeitig könnten die Exporte in die Mercosur-Staaten um 15 Milliarden Euro steigen. Das Potenzial des indischen Exportmarktes liegt bei 12,7 Milliarden Euro. Damit könnten fast 80 Prozent der möglichen Exportverluste im Handel mit den USA ausgeglichen werden.

 

Neue Freihandelsabkommen mit Mercosur und Indien

Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) haben nach 26 Jahren Verhandlungszeit im Januar 2026 dem Mercosur-Abkommen mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay zugestimmt, womit eine der größten Freihandelszonen der Welt entsteht. Das Europäische Parlament hat den Vertrag zwar zur Prüfung an den europäischen Gerichtshof verwiesen, eine vorläufige Inkraftsetzung des Abkommens ist allerdings wahrscheinlich.

Gleichzeitig strebt die EU an, ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Indien weiter zu vertiefen. Nach jahrelangen Verhandlungen, die bereits 2007 begannen, wurde am 27. Januar das EU-Indien-Freihandelsabkommen (FTA) abgeschlossen. Dieses Abkommen sieht eine schrittweise Zollsenkung von 90 bis 95 Prozent vor und soll den Handel zwischen beiden Partnern deutlich vereinfachen. Indien ist seit einigen Jahren die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der G20 und dürfte diese Position auch in den kommenden Jahren beibehalten. Trotz des Abschlusses des FTA bestehen jedoch noch einige offene Punkte, die einer weiteren Klärung bedürfen.

 

Die aktuelle deutsche Exportstruktur

Die deutschen Güterexporte in die Mercosur-Länder und nach Indien haben momentan eine ähnliche Größenordnung.4 Nach Indien exportierte die deutsche Wirtschaft 2024 Waren im Volumen von EUR 16,9 Milliarden. Wichtigste Branchen waren der Maschinenbau, die Chemie- und die Elektroindustrie. Die Exporte Richtung Mercosur waren mit EUR 16,1 Milliarden nur knapp geringer. Hier dominierten Maschinenbau, Chemie und die Automobilindustrie. Innerhalb von Mercosur ist Brasilien der mit Abstand größte Exportmarkt für Deutschland.

 

Die Potenziale der neuen Freihandelsabkommen

Unsere Simulation der Potenziale geht davon aus, dass die aktuellen US-Zölle mit ihren vielfältigen indirekten Effekten auf die Handelsströme auch in der mittleren Frist gelten und dass die oben genannten Handelsabkommen ab sofort gelten.5

Unter diesen Annahmen zeigt sich, dass die Potenziale beträchtlich sind: Die deutschen Exporte nach Indien könnten um 75 Prozent und mittelfristig um EUR 12,7 Milliarden steigen. Gleichzeitig könnten die Exporte in Richtung Mercosur mittelfristig um 15 Milliarden Euro zulegen, was einer Steigerung von 93 Prozent entspricht. Damit würde die Exportsteigerung insgesamt EUR 27,7 Milliarden betragen.

 

Abb. 1 – Veränderungen der deutschen Exporte in die jeweiligen Länder

Quelle: Deloitte Trade Foresight (2026)

 

Zu den Haupttreibern dieses Wachstums im Falle des Freihandelsabkommens mit Indien zählen insbesondere die Branchen Maschinenbau, Elektrotechnik und Chemie. Auch die Automobilindustrie trägt mit einem signifikanten Beitrag zur prognostizierten Exportsteigerung bei.

 

Abb. 2 – EU-Indien Abkommen - Effekte für ausgewählte Sektoren

Quelle: Deloitte Trade Foresight (2026)

 

Das Wachstum der deutschen Exporte in die Mercosur-Staaten wird vor allem von drei zentralen Branchen getragen: An erster Stelle steht der Maschinenbau, der mit einem prognostizierten Zuwachs von 4 Milliarden Euro den größten Beitrag leistet, gefolgt von der Automobilbranche mit zusätzlichen 2,6 Milliarden Euro und der Elektrotechnik, die 1,8 Milliarden Euro mehr zum Exportvolumen beiträgt. Aber auch die Chemieindustrie profitiert von dem Freihandelsabkommen und würde ein zusätzliches Wachstum der deutschen Exporte in Höhe von 1,4 Milliarden Euro verzeichnen. Sämtliche Exporte ergeben sich aus den Potenzialen des Freihandelsabkommens.

Von den zusätzlichen deutschen Exporten in die Mercosur-Länder, die durch das neue Freihandelsabkommen entstehen, entfallen fast 78 Prozent auf Brasilien, gefolgt von Argentinien mit 19 Prozent. Uruguay und Paraguay machen hingegen lediglich zwei beziehungsweise ein Prozent der zusätzlichen Exporte aus.

 

Abb. 3 – EU-Mercosur Abkommen - Effekte für ausgewählte Sektoren

Quelle: Deloitte Trade Foresight (2026)

 

Implikationen

Diese Zuwächse der deutschen Exporte nach Indien und Südamerika könnten den erwarteten Rückgang der Güterexporte in die USA zu 80 Prozent kompensieren. Wenn Dienstleistungen in das EU-Indien Abkommen einbezogen würden, könnten die Effekte sogar noch stärker ausfallen.

Diese Potenziale verdeutlichen, dass Deutschland und Europa den geo- und handelspolitischen Herausforderungen nicht hilflos gegenüberstehen. Die Diversifizierung von Handelskorridoren und die Gewinnung neuer Handelspartner können beträchtliche positive Impulse setzen. In diesem Kontext stellen die Abkommen mit Indien und den Mercosur-Staaten bedeutende Meilensteine dar. Weitere Abkommen werden aktuell verhandelt, darunter solche mit Partnern wie Malaysia, den Philippinen, Thailand und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Von daher bleibt zu hoffen, dass Indien und Mercosur den Beginn einer umfassenderen europäischen Handelsoffensive markieren.

 

Methodik Box: Deloitte Trade Foresight

Die Berechnungen basieren auf einem maßgeschneiderten Berechenbaren Allgemeinen Gleichgewichtsmodell basierend auf dem Global Trade Analysis Project (GTAP). Die GTAP-Datenbank beinhaltet Millionen von Datenpunkten, welche Details zur Produktion, zum Verbrauch und zum Handel einfangen. Insgesamt beinhaltet GTAP 141 Länder, was 99 Prozent des weltweiten BIP und 96 Prozent der Weltbevölkerung repräsentiert. Das Modell unterteilt die wirtschaftliche Aktivität in 65 unterschiedliche Sektoren für jedes Land. Für die Analyse der 50 wichtigsten Länder wurden diese Sektoren weiter zu 24 Sektoren kondensiert. Das GTAP-Modell basiert auf Daten aus dem Jahr 2017. Im ersten Schritt wurde das Modell aktualisiert, sodass die aktuellen Berechnungen auf Basis von 2024er BIP- und Ausgangswerten durchgeführt werden. Für Deutschland stützen sich diese Werte auf die Daten des Statistischen Bundesamtes. Unter der Annahme der bereits angekündigten Zölle wurden daraufhin die potenziellen Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft modelliert.

IW Köln (2024), Deutsche China-Exporte um zwölf Prozent eingebrochen, abgerufen am 26.01.2026

Wie bei anderen Simulationsrechnungen ist es wichtig zu berücksichtigen, dass das Handelsmodell ein statisches Gleichgewichtsmodell darstellt. Der sogenannte Schock, wie beispielsweise durch eine Handelsliberalisierung, bewirkt in diesem Modell einen Niveaueffekt und keine Wachstumsrate. Der Anpassungsprozess bis zum Erreichen des neuen wirtschaftlichen Gleichgewichts kann dabei etwa drei bis vier Jahre in Anspruch nehmen.

Vgl. Economic Trend Briefing: Auswirkungen des transatlantischen Handelsabkommens auf Schlüsselindustrien in Deutschland.

Würden auch die Dienstleistungsexporte berücksichtigt, wäre Indien allerdingsein deutlich größerer Exportmarkt.

Es wird unterstellt, dass die Zölle, wie bei klassischen Freihandelsabkommen, um 100 Prozent reduziert werden. Zwar liegt das Ziel in den Abkommen bei einer Zollsenkung von 90 bis 95 Prozent, doch die verbleibenden 5 Prozent betreffen meist kleinere, sensible Bereiche wie bestimmte Agrar-Nischenprodukte. Aus diesem Grund dürften die Berechnungen die tatsächlichen Effekte leicht überschätzen. Da zum Zeitpunkt der Berechnungen die genauen Verhandlungsergebnisse des Freihandelsabkommens mit Indien noch nicht veröffentlicht waren, war eine exakte Quantifizierung nicht möglich. Als Grundlage für die Analysen dient daher die Annahme einer mittleren Reduzierung der nicht-tarifären Handelshemmnisse, basierend auf Erfahrungen mit vergleichbaren Abkommen.

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