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Economic Trend Briefing: Wie verändern sich die deutschen Exportstrukturen?

Die globalen Handelsströme befinden sich im Wandel: Geopolitische Spannungen, protektionistische Tendenzen und wirtschaftliche Umbrüche prägen den internationalen Handel zunehmend. Besonders betroffen ist Deutschland als die am stärksten exportorientierte der großen Volkswirtschaften. Der Anteil der deutschen Exporte am BIP lag zuletzt bei 42 Prozent, verglichenmit 11 Prozent in den USA und 20 Prozent in China.1

In diesem Briefing analysieren wir die kurzfristige Verschiebung der Handelsströme im laufenden Jahr 2025 genauer und damit auch die ersten Reaktionen auf die U.S. Zölle. Als eine Art Frühindikator betrachten wir dabei die Entwicklung der Exportanteile der einzelnen Länder an den deutschen Gesamtexporten. Dabei wird deutlich, welche Märkte relativ an Bedeutung gewinnen und welche an Gewicht verlieren.

Die Ergebnisse zeigen, dass Exporte in europäische Nachbarmärkte zunehmend wichtiger werden, während die deutschen Lieferanteile in Überseemärkte wie die USA und China spürbar schrumpfen. Die Automobil- und Pharmaindustrie verzeichnen die stärksten Rückgänge bei Exportanteilen, insbesondere in den USA und China, bedingt durch protektionistische Maßnahmen und schwache Nachfrage. Diese Trends, vor allem der der stärkeren Regionalisierung, sind erst einmal eine Momentaufnahme. Wenn sie sich verfestigen, heißt das zweierlei. Zum einen ist der Handel nicht unbedingt im Rückwärtsgang. Zum anderen dürften wir aber künftig andere Formen der Handelsintegration sehen als in den letzten Jahren.

 

Zollunsicherheitführt zu starken Schwankungen und Importanstieg

Die Unsicherheiten rund um die US-Zollpolitik hinterlassen deutliche Spuren, nicht nur in der globalen Wirtschaft, sondern insbesondere auch für die deutsche exportorientierte Wirtschaft.

Wie Abbildung 1 veranschaulicht, war der deutscheAußenhandel im Vergleich zum Vorjahr teils erheblichen Schwankungen ausgesetzt.

Auffällig ist dabei zuerst einmal der Verlauf der Importe. Diese lagen über weite Teile des Jahres über dem Niveau des Vorjahres, zeigten jedoch insbesondere im Juli und August eine rückläufige Entwicklung, mit einer leichten Erholung im September.
 

Abb. 1 – Veränderung des deutschen Handels im Vergleich zum Vorjahr (Index: 100 = keine Veränderung)

Bemerkenswert ist der deutliche Anstieg der Importe ab April, was darauf hindeutet, dass Deutschland vermehrt Waren aus Ländern eingeführt hat, die zuvor stärker auf den Handel mit den USA ausgerichtet waren. Ein wesentlicher Haupttreiber für das Importwachstum ist China: Seit Jahresbeginn stiegen die Einfuhren aus der Volksrepublik im Vergleich zum Vorjahr um 8,6 Prozent2, da ein Teil der Exporte nun nach Deutschland umgeleitet wird. Überkapazitäten in der chinesischen Produktion fördern diesen Trend zusätzlich. Ein Beispiel hierfür sind die Einfuhren aus den Niederlanden, da diese als europäischer Umschlagplatz für Transitgüter aus Übersee fungieren, die über dortige Häfen nach Deutschland gelangen. Diese Importe sind im Zeitraum von Januar bis September 2025 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 4,1 Prozent gestiegen.Der Anstieg ist vor allem auf Re-Exporte zurückzuführen.

Auch bei den Exporten ist besonders auffällig die Dynamik im Frühjahr. Im März erreichten die deutschen Exporte in die USA einen Höchstwert, bevor sie im April deutlich zurückgingen. Diese abrupte Bewegung lässt sich mit dem sogenannten „Frontloading“ erklären – also der gezielten Vorverlagerung von Exporten, um angekündigten US-Zöllen zuvorzukommen. Marktteilnehmer reagierten offenbar rasch auf die geopolitischen Signale und passten ihre Handelsstrategien entsprechend an. Nach dem Einbruch im April folgte eine moderate Stabilisierung im Mai, Juni und Juli, bevor die Exporte im August erneut deutlich zurückgingen. Mit einer Erholung im September – diese ist auf die Stabilisierung der Lieferketten und eine leichte Entspannung der Handelskonflikte zurückzuführen, die den Unternehmen wieder mehr Planungssicherheit verschafften.

 

Deutsche Exportanteile verlagern sich deutlich in Richtung EU-Partner

Angesichts der Herausforderungen im globalen Handel rücken europäische Märkte zunehmend in den Fokus deutscher Exporteure. Die Abbildung 2 zeigt die fünf Länder mit dem stärksten Anstieg sowie die fünf mit dem stärksten Rückgang der deutschen Exportanteile. Zusätzlich wird das gesamte Exportvolumen in Milliarden Euro für diese Länder im Zeitraum von Juli bis September 2025 dargestellt.

Es zeichnet sich ab, dass ein signifikanter Teil der deutschen Exportströme hin zu etablierten europäischen Partnerstaaten verlagert wird. Diese Länder profitieren von geografischer Nähe, stabilen Lieferketten und offenen Handelsbeziehungen. Besonders die Niederlande, Polen, Italien, die Schweiz und Österreich haben ihre Position als verlässliche Absatzregionen weiter gefestigt. Die Exportvolumina sind bereits beachtlich: Mit knapp 29 Mrd. € führen die Niederlande, dicht gefolgt von Polen mit 25 Mrd. € und Italien mit 21 Mrd. €. Auch im 3-Monats-Vergleich zum Vorjahr zeigten sich deutliche Zuwächse. Die Exporte in die Niederlande stiegen um 2,1 Mrd. €, nach Polen um 2 Mrd. € und nach Italien um 1,6 Mrd. €.


Abb. 2 – Deutsche Exporte im Fokus –Summen und Veränderungen im 3-Monats-Vergleich (Juli–September 2025)

Weltmärkte angespannt - Deutsche Exporte geraten in Übersee ins Straucheln

Abbildung 2 belegt zugleich, dass die deutschen Exporte außerhalb der EU zunehmend unter Druck geraten. Dies zeigt sich besonders deutlich bei den USA, wo der Exportanteil im Zeitraum Juli bis September 2025 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 1,8 Prozent zurückging, was im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einem Rückgang von knapp sieben Milliarden Euro entspricht. Trotz dieses Rückgangs bleibt das Exportvolumen mit knapp 35 Milliarden Euro auf hohem Niveau, was die Bedeutung des US-Marktes für die deutsche Wirtschaft unterstreicht.

Auch in China ist ein deutlicher Rückgang des deutschen Exportanteils um 0,5 Prozent zu verzeichnen, was einem Minus von rund 1,8 Milliarden Euro gleichkommt. Zwar lag das Exportvolumen weiterhin bei rund 20 Milliarden Euro, doch strukturelle Faktoren wie verstärkter Wettbewerb und die gezielte staatliche Förderung chinesischer Unternehmen erschweren deutschen Firmen zunehmend den Marktzugang.

Weitere asiatische Märkte wie Japan und Indien zeigen ebenfalls rückläufige Exportanteile. Diese Entwicklung deutet auf eine breitere Herausforderung hin, die sich nicht auf einzelne Länder beschränkt, sondern Ausdruck globaler Handelsfriktionen ist. Dass diese Belastungen auch zentrale Handelsdrehscheiben betreffen, zeigt der Rückgang der Exportanteile nach Singapur, einem bedeutenden Handels-Hub in Asien. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Exportgeschäfte – insbesondere in den letzten Monaten – spürbar in Mitleidenschaft gezogen wurden.


Abb. 3 – Veränderungdes deutschen Exportanteils auf Industrieebene (in %)

Industrie zwischen globalem Gegenwind und regionaler Stärke

Ein Blick auf die verschiedenen Exportbranchen (siehe Abbildung 3) zeigt, wie unterschiedlich die Handelsverschiebungen einzelne Industrien treffen. Während einige Sektoren deutliche Rückschläge hinnehmen mussten, konnten andere in bestimmten Regionen leichte Zuwächse erzielen.4

  1. Automobilindustrie: Die Automobilbranche bleibt weiterhin unter Druck, insbesondere aufgrund der wachsenden Konkurrenz durch chinesische Hersteller. Besonders die Exportanteile nach China verzeichneten mit – 3.0 Prozent (-3.7 Mrd. €) den stärksten Rückgang, dicht gefolgt von den USA mit −2,9 Prozent (-3.6 Mrd. €), was auf die fortgesetzten protektionistischen Maßnahmen zurückzuführen ist. Einen positiven Impuls konnte hingegen der europäische Markt liefern: Italien verzeichnete ein leichtes Wachstum von +0,6 Prozent, während Polen mit einem Anstieg von +0,7 Prozent noch stärker zulegte. Dies betont die zunehmende Bedeutung der osteuropäischen Märkte für die Branche.
  2. Chemieindustrie: Die Chemieindustrie zeigt ein gemischtes Bild. Während die Exportanteile in die USA mit −1,9 Prozent (-0.4 Mrd. €) deutlich zurückgingen, stiegen die Anteile in Italien stark um +4,5 Prozent (+0.9 Mrd. €) und in den Niederlanden um +2,0 Prozent (+0.4 Mrd. €). Diese Entwicklung deutet auf eine zunehmende regionale Vernetzung innerhalb Europas hin, während die Exportanteile in den Märkten Asiens (China −0,8 Prozent) und Nordamerikas weiterhin schwächeln.
  3. Elektronikindustrie: Die Elektronikbranche zeigt sich insgesamt relativ stabil, wobei die Exportanteile in einigen Märkten leichte Veränderungen aufweisen. In China sanken die Exportanteile um −0,9 Prozent, und auch in den USA war ein Rückgang von −0,8 Prozent zu verzeichnen. Demgegenüber stehen moderate Zuwächse der Exportanteile in Polen und Italien, die jeweils um +0,2 Prozent stiegen, was auf eine steigende Nachfrage insbesondere in Osteuropa und Südeuropa hinweist. In Japan blieben die Exportanteile mit einem minimalen Rückgang nahezu unverändert.
  4. Maschinenbau: Der Maschinenbau präsentiert sich weiterhin robust, wobei die Exportanteile in einigen europäischen Märkten leichte Zugewinne verzeichnen konnten. In Polen stiegen die Exportanteile um +0,5 Prozent, und auch Italien konnte mit einem Zuwachs von +0,4 Prozent punkten, was die stabile Nachfrage in diesen Regionen unterstreicht. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein Rückgang der Exportanteile in die USA um −1,2 %, was erneut die Auswirkungen protektionistischer Maßnahmen und einer zurückhaltenden Nachfrage auf dem nordamerikanischen Markt widerspiegelt.
  5. Pharmaindustrie: Die Pharmaindustrie zeichnet sich durch eine hohe Heterogenität bei den Exportanteilen aus. Während die Exportanteile in die Schweiz mit einem kräftigen Zuwachs von +2,7 Prozent (+1.6 Mrd. €) und nach Österreich mit +0,7 Prozent deutlich anstiegen, verzeichneten Japan (-4.5 %)5 und die USA (−2,3 % entspricht -1.4 Mrd. €) einen erheblichen Rückgang. Auch in China (−0,5 %) und den Niederlanden (−0,3 %) entwickelten sich die Exportanteile negativ, was auf schwächelnde Nachfrage in diesen Märkten hindeutet. Die starken Zuwächse in Mitteleuropa, insbesondere in der Schweiz und Österreich, verdeutlichen jedoch die Chancen für eine gezielte Fokussierung auf EU-Märkte, die weiterhin positive Impulse liefern.

 

Fazit: Europa balanciert aktuell Verluste anderswo aus

Die aktuellen Entwicklungen im Handel zeigen eine deutliche Verschiebung der deutschen Exportausrichtung hin zu den europäischen Märkten. Es scheint also, ob die Unsicherheit im handelspolitischen Umfeld in einem ersten Schritt eine Hinwendung zum europäischen Heimatmarkt auf Seiten der Unternehmen nach sich zieht. Das muss nicht nur eine Momentaufnahme sein. Die Potenziale einer weiteren Vertiefung des EU-Binnenmarktes sind substanziell und könnten den innereuropäischen Handel perspektivisch von 1,9 bis 4,3 Prozent erhöhen.6 Langfristige Handelsanalysen legen jedoch auch nahe, dass auch asiatische Märkte zunehmend an Relevanz gewinnen dürften, neben den aufstrebenden asiatischen Märkten vor allem etablierte wie Japan und Südkorea.7 Diese Entwicklung ist derzeit in der kurzfristigen Perspektive aufgrund von Hindernissen wie eingeschränktem Marktzugang und fehlenden Freihandelsabkommen nur bedingt sichtbar, könnte aber durch bessere Handelsbedingungen zukünftigverstärkt in den Fokus rücken.

Für deutsche Unternehmen ergeben sich daraus wichtige Schlussfolgerungen: Eine stärkere regionale Diversifizierung und engere Vernetzung innerhalb der Europäischen Union wird zunehmend essenziell. Gleichzeitig bleibt es unverzichtbar, nachhaltige Strategien für außereuropäische Märkte zu entwickeln, da diese trotz der aktuellen Herausforderungen weiterhin einen erheblichen Anteil an den deutschen Exporten haben. Flexibilität und die Anpassung von Lieferketten an die neuen geo- und handelspolitischen Bedingungen sind hierbei maßgeblich.
 

1 Weltbank (2025), World Development Indicators, abgerufen am 07.11.2025

2 Quelle: Statistischen Bundesamts (2025), Erste Detaildaten zum Außenhandel, abgerufen am 09.11.2025

Im September importierte Deutschland Waren im Wert von 15,3 Milliarden Euro aus China; auf Platz zwei folgten die Niederlande mit knapp 8,8 Milliarden Euro. Quelle: Statistischen Bundesamts (2025), Erste Detaildaten zum Außenhandel, abgerufen am 09.11.2025

4 Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse lagen die Industriedaten für den September noch nicht vor. Daher konzentrieren wir uns auf die 3-Monats-Veränderungen bis August, die bereits einen klaren Trend bei den Handelsveränderungen erkennen lassen.

5 Japan verzeichnete 2024 einen starken Anstieg deutscher Pharmaexporte dank hoher Nachfrage, eines günstigen Yen-Euro-Wechselkurses und regulatorischer Erleichterungen, während die Dynamik 2025 deutlich nachließ.

6 Deloitte (2025), EU-Binnenmarkt – Wachstumschancen vor der Haustür, abgerufen am 10.11.2025

7 Deloitte (2025), The new rules of globalization: Geopolitical clusters and the fragile resilience of global trade, abgerufen am 10.11.2025