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Konjunkturausblick 2026/2027: Aufhellung mit Vorbehalten

Zum Jahresanfang schien es, als könnte die deutsche Wirtschaft die lange Schwächephase allmählich hinter sich lassen. Mit der Eskalation im Nahen Osten, steigenden Ölpreisen und neuer geopolitischer Unsicherheit verschlechterten sich die Aussichten jedoch erneut spürbar. Umso bemerkenswerter ist, dass die deutsche Wirtschaft bislang robuster durch das Jahr 2026 kommt als ursprünglich befürchtet.

Die zentrale Botschaft lautet allerdings: Die Stabilisierung ist noch kein selbsttragender Aufschwung. Getragen wird sie bislang vor allem von staatlichen Impulsen, während Konsum, private Investitionen und Teile der Industrie verhalten bleiben. Für 2027 ist zwar eine moderate Aufhellung möglich – doch strukturelle Schwächen und geopolitische Risiken bleiben erhebliche Vorbehalte. 

Rückblick: Konjunktur zum Jahresanfang robuster als erwartet

Die deutsche Wirtschaft ist solide in das Jahr gestartet: im ersten Quartal stieg die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Somit zeichnen diese jüngsten BIP-Zahlen ein weniger trübes Bild als viele Beobachter erwartet hatten. Auffällig ist vor allem, dass die Erholung nicht nur von staatlichen Ausgaben getragen wurde. Auch die Exporte und private Ausrüstungsinvestitionen legten deutlich zu. Da das Wachstumstempo der Importe sich verlangsamte und unter dem der Exporte blieb, stieg der Außenhandelssaldo und stützte die BIP-Entwicklung. Der private Konsum blieb dagegen schwach und stagnierte gegenüber dem Vorquartal. Das zeigt, dass die Konsument:innen erst mal vorsichtig bleiben.

Auch zwischen den Branchen zeigt sich ein gemischtes Bild (Abbildung 1). Im ersten Quartal überzeugten vor allem der Finanz- und Versicherungssektor sowie überraschend auch das verarbeitende Gewerbe. Gleichzeitig zeigte sich im Bau zunächst eine Schwächephase. Im April zog dann vor allem das Baugewerbe an, hier dürften die staatlichen Investitionen in die Infrastruktur eine Rolle spielen1. Die Industrieproduktion, ausgenommen Energie und Bau, trat dagegen auf der Stelle. Das unterstreicht: Eine breit getragene industrielle Erholung ist noch nicht erreicht. Besonders in zyklischen Bereichen wie der Automobilindustrie bleibt die Lage fragil.

Abb. 1 – Wirtschaftliche Aktivität steigt nur in einzelnen Branchen im ersten Quartal 2026
Prozentuale Veränderung der realen, saison- und kalenderbereinigten Bruttowertschöpfung und Anzahl der Erwerbstätige im Q1 2026 gegenüber Q4 2025

Unsicherheitsfaktoren für die deutsche Wirtschaft im Jahr 2026

Die geopolitische Lage bleibt der wichtigste Unsicherheitsfaktor. Die schwersten Eskalationsszenarien auf wirtschaftlicher Ebene scheinen sich im Nahen Osten zwar derzeit nicht zu verwirklichen, doch Energiepreise, Lieferketten und Unternehmensstimmung bleiben anfällig. Der ifo-Geschäftsklimaindex hat sich im Mai zwar leicht auf 84,9 Punkte verbessert, bewegt sich damit aber weiterhin auf einem niedrigen Niveau2. Das signalisiert (noch) keine Trendwende, sondern eher eine fragile Stabilisierung.

Arbeitsmarkt und Finanzierungbedingungen geben keinen Rückenwind

Zu den Unsicherheitsfaktoren kommt, dass der Arbeitsmarkt bislang kaum konjunkturellen Rückenwind liefert. Zwar sank die Zahl der Arbeitslosen im Mai auf 2,95 Millionen und die Quote auf 6,3 Prozent. Die Bundesagentur für Arbeit spricht dennoch ausdrücklich von keiner Trendwende3. Neueinstellungen erfolgen vielerorts zurückhaltend. Positiv ist, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften sich auf niedrigem Niveau stabilisiert hat. Für den privaten Konsum ist das dennoch nur eine begrenzte Stütze.

Ein weiterer Punkt ist die Geldpolitik: Die Europäische Zentralbank hat am 11. Juni ihre Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben, um den inflationsbedingten Druck aus dem Energiepreisschock einzudämmen. Damit dürfte der erhoffte Rückenwind über günstigere Finanzierungskosten zunächst ausbleiben. Für Unternehmen heißt das: Investitionsentscheidungen bleiben anspruchsvoll, insbesondere in kapitalintensiven Bereichen wie Bau und Industrie. 

Kein Einbruch, aber noch kein Aufschwung

Die aktuell verfügbaren Indikatoren sprechen gleichwohl dafür, dass die wirtschaftliche Aktivität auch im zweiten Quartal nicht einbricht. Die Exporte lagen im April erneut über dem Vormonat4, und die Produktion im Bau hat sich spürbar erholt. Zudem entwickeln sich die Neuregistrierungen von E-Autos seit März sehr dynamisch – gestützt durch die neu eingeführte Förderung. Gleichzeitig bleibt das Bild unter der Oberfläche verhalten: Neuaufträge, Stimmung und Teile der Industrie senden noch keine belastbaren Signale für einen breiten Aufschwung. Die deutsche Wirtschaft bleibt damit 2026 widerstandsfähig, aber wachstumsschwach.

Insgesamt erscheint für das laufende Jahr ein Wachstum von rund 0,9 Prozent weiterhin plausibel. Getragen wird dieses vor allem von staatlichen Ausgaben, insbesondere im öffentlichen Konsum sowie von öffentlichen Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur und Klima. Die privaten Konsumausgaben dürften nur langsam wachsen, weil die Kaufkraft nur marginal zunimmt und Unsicherheit die Kauflaune bremst. Die private Investitionstätigkeit sollte sich zwar weiter stabilisieren, bleibt aber schwach, von einem niedrigen Ausgangsniveau aus. Die Exporte dürften in diesem Jahr leicht zunehmen – hauptsächlich wegen der starken Zunahme im ersten Quartal, die Importe aber ebenfalls. Der Außenbeitrag dürfte deshalb keinen nennenswerten Wachstumsimpuls liefern.

Abb. 2 – Das Wachstum dürfte sich beschleunigen, jedoch auf einem moderaten Niveau
Reale Veränderungsrate des Bruttoinlandsprodukts in Prozent (nicht-kalenderbereinigt)

Mit Blick auf die Inflation spricht vieles dafür, dass sie im Jahresdurchschnitt bei rund 2,8 Prozent liegen wird, nach 2,2 Prozent im Jahr 2025. Kurzfristig hat sich der Preisdruck im Mai zwar etwas abgeschwächt, doch die zugrundeliegende Teuerung bleibt erhöht. Höhere Energie-, Transport- und Beschaffungskosten dürften in den kommenden Monaten noch teilweise an Kund:innen weitergegeben werden. Für Unternehmen bedeutet das ein Umfeld, in dem Margenmanagement, Preissetzung und Effizienzmaßnahmen weiter hohe Priorität behalten.

Ausblick auf 2027: Zwischen Aufhellung und Altlasten

Im kommenden Jahr dürften die direkten Belastungen aus dem Energie- und Geopolitikschock allmählich nachlassen. Wenn sich die Energiepreise normalisieren und die Unsicherheit abnimmt, sollten Exporte, private Investitionen und Konsum etwas stärker anziehen. Die Kaufkraft der privaten Haushalte könnte sich wieder spürbarer verbessern, sofern die Inflation zurückgeht und der Arbeitsmarkt stabil bleibt. Gleichzeitig bleiben die öffentlichen Ausgaben auch 2027 ein zentraler Wachstumstreiber. Besonders die öffentlichen Investitionen dürften kräftig steigen und damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage weiterhin stützen.

Vor diesem Hintergrund ist für 2027 ein Wachstum von rund 1,2 Prozent erreichbar. Das wäre eine Verbesserung gegenüber 2026, aber eine weniger kräftige Expansion als es ursprünglich im Nachgang der Ankündigung des Sondervermögens erwartet wurde.

Wie diese Prognose zeigt, können staatliche Investitionen die Konjunktur zwar kurzfristig stabilisieren und wichtige Modernisierungsimpulse setzen – sie allein reichen aber nicht aus, um den Standort dauerhaft zu stärken. Vor allem beim Bürokratieabbau und bei der Zukunftsfähigkeit der Sozialversicherungssysteme braucht es kontinuierlich politischen Gestaltungswillen und eine konsequente Umsetzung von Reformen. Nur so kann die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen nachhaltig verbessert und aus der fragilen Stabilisierung wieder ein selbstragender Aufschwung aus dem privaten Sektor werden.

Statistisches Bundesamt, Produktion im April 2026: +0,4 % zum Vormonat - Statistisches Bundesamt, abgerufen am 11.6.2026

Ifo Institut, ifo Geschäftsklimaindex gestiegen (Mai 2026) | ifo Geschäftsklima Deutschland | ifo Institut, abgerufen am 12.6.2026

Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt im Mai 2026 | Bundesagentur für Arbeit, abgerufen am 12.6.2026 

Statistisches Bundesamt, Exporte im April 2026: +0,9 % zum März 2026 - Statistisches Bundesamt, abgerufen am 11.6.2026

Gemeinsam mit Nicolai Andersen, globaler Leiter des Geschäftsbereichs Strategy, Risk & Transactions, analysieren die beiden Chefökonomen Dr. Alexander Börsch und Dr. Michael Grampp die zentralen wirtschaftlichen Entwicklungen in Deutschland, der Schweiz sowie in den großen Volkswirtschaften USA, China und EU. Im Fokus stehen die konjunkturelle Lage, handelspolitische Trends sowie die Frage, wie belastbar die aktuellen Prognosen sind. Jetzt die aktuelle Future Talk Podcast Episode anhören!