Zum Hauptinhalt springen

Economic Trend Briefing: Die Importabhängigkeiten der deutschen Wirtschaft vom Nahen Osten

Der eskalierende Iran-Konflikt trifft die Weltwirtschaft mit voller Wucht. Trotz wenig direkter Abhängigkeiten Deutschlands bei Öl und Gas, wirken globale Preisschocks immens auf energieintensive Branchen. Außerdem liefert der Nahe Osten weit mehr als Öl und Gas, nämlich Spezialchemikalien, Edelgase und High Tech Vorprodukte, die für zentrale Wertschöpfungsketten deutscher Schlüsselindustrien unverzichtbar sind.

So entsteht eine deutliche Asymmetrie. Während fossile Energieträger die Exportstruktur des Nahen Ostens mengenmäßig dominieren, entwickelt sich die Region gleichzeitig zu einem wichtigen Partner für High‑Tech‑Sektoren wie Halbleiter und Leichtmetalle. In diesem Briefing blicken wir deshalb genauer auf die Herkunftsstruktur der Importe, die bestehenden Abhängigkeiten und die daraus resultierenden Risiken.

 
Geringe Energieimporte aus Nahost, doch die Preisdynamik trifft Deutschland hart

Der Nahe Osten bleibt ein wichtiger energetischer Taktgeber für Deutschland, in erster Linie über die Weltmarktpreise, weniger als direkter Lieferant. Im Jahr 2025 betrug der Anteil der Erdölimporte aus dieser Region rund sechs Prozent.Verglichen mit der früheren Gas-Abhängigkeit von Russland, deren Anteil vor dem Ukrainekrieg etwa 34 Prozent erreichte,2 zeigt sich eine eher geringe Abhängigkeit.

Beim Erdgas spielt der Nahe Osten eine noch kleinere Rolle. Deutschland bezieht den Großteil seines Gases über Pipelines aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien.Das per LNG importierte Gas stammt überwiegend aus den Vereinigten Staaten.4 Die Gasexporte des Nahen Ostens gehen fast vollständig nach Asien, vor allem nach China, Indien und Südkorea.5 Der größte Einfluss ergibt sich daher nicht über tatsächliche Importmengen, sondern über die weltweit steigenden Energiepreise, die durch den Nahostkonflikt ausgelöst werden. Diese Preisbewegungen wirken indirekt auf die gesamte Wirtschaft und belasten Unternehmen wie Verbraucher gleichermaßen. Als Daumenregel gilt, dass ein Anstieg des Ölpreises um zehn US‑Dollar das Wirtschaftswachstum um rund 0,1 Prozentpunkte senkt.


Strategische Verwundbarkeit bei Aluminium, Chemierohstoffen, Düngemitteln und Halbleitermaterialien

Ein sehr viel weniger beachteter Einflusskanal des Iran-Krieges und der Sperrung der Straße von Hormus auf die deutsche Wirtschaft sind Importe von einigen zentralen Rohstoff‑ und Zwischenproduktimporten ausdem Nahen Osten, die in mehreren wichtigen Industrien weiterverarbeitet werden.

Abbildung 1 zeigt die Importabhängigkeiten für bestimmte ausgewählte Produkteund macht deutlich, wie stark die Region als Lieferant strategischer Materialien ins Gewicht fällt. Sichtbar wird dies im Bereich der Leichtmetalle. Aluminium in verschiedenen Formen wie Legierungen und nichtlegiertem Aluminium im Wert von über 900 Millionen Euro an Gesamtimporten unterstreicht die wachsende Bedeutung des Nahen Ostens als metallindustrielles Zentrum. Eine Entwicklung, die durch dortige Energiepreisvorteile begünstigt wird.

Noch deutlicher zeigen sich die Abhängigkeiten bei technologisch kritischen chemischen Vor‑ und Zwischenprodukten. Deutschland bezieht nahezu die Hälfte seines Bedarfs an spezialisierten Edelgasen, insbesondere Helium, sowie mehr als 70 Prozent seiner Bromverbindungen aus dem Nahen Osten. Diese Stoffe bilden die Grundlage zahlreicher Hochtechnologieanwendungen, von der Halbleiterfertigung und optischen Präzisionssystemen über Laser- und Photoniktechnologien. Auch bei Cyclohexan, einem zentralen petrochemischen Grundstoff für die Faser- und Kunststoffindustrie, ist die Importkonzentration besonders hoch. Ergänzend kommen optische Instrumente für die Halbleiterprüfung sowie Lithiumelemente, und Bestandteile für Dünger zunehmend aus dem Nahen Osten.

Abb. 1 – Importabhängigkeiten mit dem Nahen Osten für ausgewählte HS‑6‑Produkte (2025)

Quelle: Statistisches Bundesamt (2026). Der „Nahe Osten“ umfasst die folgenden 14 Länder: Bahrain, Iran, Irak, Israel, Jordanien, Kuwait, Libanon, Oman, Katar, Saudi-Arabien, Syrien, Vereinigte Arabische Emirate, Jemen sowie Palästina. Die Auswertung erfolgt auf Produktebene gemäß der HS‑6‑Klassifikation für das Jahr 2025.

Mehrere Kernindustrien betroffen

Mehrere Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft sind dadurch besonders exponiert, insbesondere dort, wo energieintensive Prozesse und hochspezialisierte Vorprodukte aufeinandertreffen. Die Chemieindustrie zählt zu den am stärksten betroffenen Sektoren. Zwar benötigt die Chemieindustrie keine direkten Rohölmengen, sondern vorverarbeitete petrochemische Grundstoffe wie Naphtha, Ethan und Aromaten, wie beispielsweise Benzol. Aus Benzol entsteht durch katalytische Hydrierung das Zwischenprodukt Cyclohexan, dessen Produktion stark im Nahen Osten konzentriert erfolgt, weil dort ein großer Teil der Wertschöpfungskette vorhanden ist. Dadurch steigt die geopolitische Verwundbarkeit und die Risiken durch mögliche logistische Engpässe entlang zentraler Transportkorridore nehmen zu.

Die Automobilindustrie weist zunehmend stärkere Berührungspunkte mit entsprechenden Rohstofflieferketten auf. Aluminiumimporte aus der Region tragen dazu bei, den wachsenden Bedarf an leichten Materialien zur Gewichtsreduktion zu decken. In der Halbleiter‑ und Elektronikindustrie zeigt sich ein spürbarer Bedarf an Edelgasen, Lithium sowie Halogenverbindungen aus Fluor und Brom, wodurch der Nahe Osten eine relevante Rolle einnimmt.

Schließlich ist auch die Agrar‑ und Düngemittelindustrie stark betroffen. Deutschland bezieht mehrere kritische Düngemittelvorprodukte in hohem Maße aus der Region, was die Preisstabilität und Versorgungssicherheit beeinflusst und sich unmittelbar auf die landwirtschaftliche Wertschöpfung sowie die Lebensmittelproduktion auswirken kann. 


Resilienz als zentraler Wettbewerbsfaktor in der Geoökonomie

Diese Abhängigkeiten vom Nahen Osten zeigen deutlich, wie verletzlich zentrale Industrien in Deutschland sind. In einer geopolitisch angespannten Welt wird Resilienz zunehmend zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Kurzfristig bedeutet das für Unternehmen vor allem, dass sie genau verstehen müssen, wo ihre Schwachstellen in den Lieferketten liegen und wie sie diese aktiv managen. Langfristig rückt eine breit angelegte Diversifizierung in den Mittelpunkt. Investitionen in alternative Lieferländer, der Aufbau europäischer Vorprodukte, neue Partnerschaften und gezielte Rohstoffreserven werden zu zentralen Bausteinen einer widerstandsfähigen Industriebasis. Der Iran-Konflikt wirkt dabei weniger als Auslöser, sondern als weiterer Beschleuniger einer Resilienz-Agenda. 

1Statistisches Bundesamt (2026), 6,1 % der deutschen Rohöl-Importe 2025 aus dem Nahen Osten, abgerufen am26.03.2026

2Europäische Kommission (2022), Germany Energy Snapshot, abgerufen am 26.03.2026

3Bundesnetzagentur (2026), Bundesnetzagentur veröffentlicht Zahlen zur Gasversorgung 2025, abgerufen am 30.03.2026

4S&P Golbal (2024), US LNG supply continues to dominate European imports in 2024, abgerufen am 30.03.2026

5EIA (2025), About one-fifth of global liquefied natural gas trade flows through the Strait of Hormuz, abgerufen am 30.03.2026

6Hier beziehen wir uns auf die HS‑6‑Produktebene, also die sechsstellige Ebene des Harmonisierten Systems (HS). Das HS ist ein weltweit genutzter Standard zur Klassifikation von Waren im internationalen Handel. Die sechsstellige Ebene ist bereits sehr fein untergliedert und ermöglicht eine präzise Zuordnung einzelnerProduktgruppen.

7Es handelt sich um spezifische Teilfraktionen von Cyclohexan, die Deutschland zwar anteilig stark importiert, deren Gesamtvolumen jedoch gering ist. Der Großteil des weltweit gehandelten Cyclohexans kommt aus Saudi-Arabien. In Europa sind vor allem Belgien (insbesondere der Antwerpener Chemiecluster) und die Niederlande die zentralen Abnehmer und Umschlagpunkte. Deutschland bezieht nur geringe Mengen direkt aus Saudi-Arabien und importiert überwiegend über diese beiden EU‑Hubs. Die Risiken liegen daher primär in den dortigen Standorten und ihren Seewegen.

Erhalten Sie Insights zu konjunkturellen, wirtschaftlichen und geopolitischen Trends.