Anhaltende Wirtschaftsunsicherheit und vermehrte Naturkatastrophen, Modernisierungsdruck und künstliche Intelligenz (KI): Versicherungsunternehmen sehen sich aktuell enormen Herausforderungen gegenüber. Grundlegende Verschiebungen in der Versicherungslandschaft machen es nötig, etablierte Strategien neu zu überdenken. Für eine vorteilhafte Positionierung sollten Versicherer ihre Geschäftsmodelle, Produkte, Tools und Prozesse auf den Prüfstand stellen und proaktiv anpassen.
Angesichts der Komplexität und Dynamik des derzeitigen Umfelds ist „Business as usual“ für die Branche keine Option mehr. Faktoren wie die Konsolidierung im Vertrieb, der technologische Wandel der Geschäftsmodelle oder die gewandelten Kundenerwartungen erzeugen Handlungsdruck. Technologie und KI gewinnen als Lösungshebel zunehmend an Bedeutung. Voraussetzungen dafür sind ein solides Datenfundament und eine geeignete Architektur mit starker Cybersecurity. Aber auch die Belegschaft muss dafür entsprechend digital aufgestellt sein. Im neuen „Global Insurance Outlook 2026“ erklären die Versicherungsexpert:innen von Deloitte, welche Themen jetzt weltweit wichtig werden, wie sich das auf die einzelnen Versicherungsbereiche und Regionen auswirktund was in dieser Lage auf der Agenda der Unternehmen stehen sollte.
Im Bereich Schaden und Unfall sehen sich Versicherer mit einem geringeren Prämienwachstum und einem intensiveren Wettbewerb konfrontiert. Dies ist unter anderem auf anhaltende globale wirtschaftliche und handelspolitische Unsicherheiten zurückzuführen. In den Schwellenländern bremst das stagnierende Wirtschaftswachstum Chinas die Nachfrage. In Europa dürfte die Eigenkapitalrendite dank sinkender Kosten deutlich ansteigen. Global erhöht sich sowohl im Privatkunden- als auch im Geschäftskundenbereich der Margendruck. Während in den USA im Jahr 2024 eine starke Underwriting Performance erzielt wurde, dürfte sich die Schadenkostenquote dort weiter verschlechtern (von 97,2% für 2024 auf 99% für 2026). Häufiger auftretende Naturkatastrophen auf verschiedenen Kontinenten und verschärfte Rückversicherungsbedingungen erhöhen den Druck zusätzlich. Dazu kommen neue rechtliche Risiken, beispielsweise durch die „soziale Inflation“. Damit sind Zusatzkosten für Versicherer gemeint, die durch gesellschaftliche Trends wie eine erhöhte Klagebereitschaft, die Nutzung von Prozessfinanzierern oder einen zunehmenden Aktivismus entstehen.
Auch strukturelle Marktveränderungen sorgen für Handlungsbedarf. Die anhaltende Konsolidierung im Vertrieb verschlechtert die Verhandlungsposition der Versicherer. Großunternehmen nutzen vermehrt Eigenversicherer (Captives). Um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, werden Versicherer voraussichtlich agilere Kapitalmodelle nutzen und auf zusätzliche Finanzierungsvehikel zurückgreifen, beispielsweise Katastrophenanleihen (Cat Bonds) oder Sidecars (Verbriefung von Risiken durch Rückversicherer). KI, Drohnen und Sensoren ermöglichen neue technologische Ansätze. Gebührenbasierte Erträge aus alternativen Services werden wahrscheinlich deutlich zunehmen.
Angesichts der getrübten Konsumentenstimmung ist bei den Lebens- und Rentenversicherern ebenfalls global ein Wachstumsrückgang zu erwarten. In den Schwellenländern bestehen jedoch durchaus noch Wachstumspotenziale. Die Nachfrage nach Annuitäten dürfte weiter steigen. Versicherer nutzen verstärkt alternative Anlageformen wie Privatkredite und gehen häufiger Allianzen mit Firmen aus dem Bereich Private Equity (PE) ein, die bis hin zu kompletten Übernahmen reichen können – etwa von Versicherern durch PE Firmen. Auch von Lebensversicherern werden Rückversicherungs-Sidecars zunehmend genutzt. Da solche alternativen Kapitalanlagen oft geringe Liquidität und Transparenz aufweisen, müssen sich die Unternehmen allerdings auf eine verstärkte regulatorische Aktivität einstellen. Viele Lebensversicherer schaffen darüber hinaus Wachstumsimpulse durch Kooperationen, etwa mit Pflegeunternehmen.
Auch bei den Gruppenversicherern ist mit einem Wachstumsrückgang zu rechnen. Gleichzeitig existieren hier noch viele ungehobene Potenziale, da die Nachfrage nach Zusatzleistungen für Mitarbeitende insgesamt weiter ansteigt. Um davon zu profitieren, können Anbieter ihre Produktportfolios erweitern, etwa um spezifische Angebote für Eltern oder ältere Personen. Eine weitere wichtige Maßnahme ist das Ausrollen zeitgemäßer digitaler Lösungen, die beispielsweise per API nahtlos in bestehende Plattformen des Arbeitgebers integriert werden können.
Bei vielen Versicherern nimmt die KI-Transformation zunehmend Fahrt auf. Auf erste Pilotprojekte folgen nun praktische Anwendungsfälle mit konkretem Mehrwert. Die Technologie hat sich bereits bei der Betrugsbekämpfung bewährt. Agentische KI kommt beispielsweise beim Vertragsabschluss zum Einsatz, wobei sich europäische Unternehmen derzeit noch eher zurückhalten. In Asien wiederum wird KI verstärkt im Kundensupport eingesetzt.
Damit solche Projekte gelingen, müssen allerdings bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Dazu gehören qualitätsorientierte Datenstrategien mit Echtzeitfähigkeiten sowie robuste Technologiearchitekturen. Auch die Modernisierung von Legacy-Systemen un die Cloud-Migration stehen für viele Versicherer weiterhin auf der Agenda. Weitere Fokusbereiche sind die Integration neuer Tools in bestehende Workflows und die Gestaltung effektiver Prozesse für die Mensch-Maschine-Kooperation. Der KI-Boom lässt jedoch manche Unternehmen bei großen Software-Investitionen zögern, da diese in wenigen Jahren womöglich durch KI-gestützte Systeme obsolet gemacht werden könnten. Flexible Architekturen, Kooperationen und Partnerschaften könnten sich hier als wichtiger Wettbewerbsvorteil erweisen. Eine starke Cybersecurity, auch im Hinblick auf Lieferanten, ist eine unabdingbare Voraussetzung.
Eine ausreichend befähigte Belegschaft ist außerdem unverzichtbar. Bei der Rekrutierung tun sich derzeit viele Versicherer schwer, insbesondere bei den dringend benötigten digitalen Kompetenzen. Sowohl die sinnvolle Integration KI-affiner Neueinstellungen als auch die Weiterbildung bewährter Kräfte sind herausfordernd. Beim Schließen von Fähigkeitslücken sollte deshalb auch auf externe Kapazitäten aus dem Partnernetzwerk zurückgegriffen werden.
Eine überlegene Kundenerfahrung ist entscheidend für die Kundenbindung und das Wachstum eines Unternehmens. Versicherungsnehmer:innen erwarten insbesondere im Bereich Schaden und Unfall heutzutage schnelle, hyper-personalisierte Lösungen. Eine nahtlose, kanalübergreifende Integration der Dienstleistungen wird vorausgesetzt. Bei Lebensversicherungen stehen dagegen stärker Werte wie Vertrauen, Transparenz und eine langfristig orientierte, persönliche Beratung im Vordergrund. Bei der häufig nötigen Optimierung der Kundenerfahrung greifen Anbieter verstärkt auf KI und andere digitale Lösungen zurück, etwa um maßgeschneiderte personalisierte Angebote zu erstellen und den Support im Bereich der Personenversicherung zu verbessern. Im kommerziellen Bereich bieten sich Themen wie der Echtzeit Vertragsabschluss oder die Risikosenkung durch den Einsatz vernetzter Sensoren an. Kooperationen – etwa mit Universitäten – erleichtern die Umsetzung.
Omnichannel-Strategien bleiben eine wichtiger Faktor für die Kundenerfahrung. Durch Right-Channeling, also die effiziente Steuerung von Interaktionen in den effektivsten Kanal, können Kosten gesenkt und die Qualität erhöht werden. Bei aller Automatisierung und Digitalisierung sollten Versicherer nicht vergessen, dass ihre Produkte für Kund:innen im Privatbereich häufig in einem emotionalen Ausnahmezustand relevant werden, etwa nach einem Unfall. Entsprechend sollten Werte wie Empathie und Menschlichkeit in der Kundenstrategie keinesfalls vernachlässigt werden.
Disruptive Trends und fundamentale Branchenentwicklungen erhöhen den Handlungsdruck auf die Versicherungsbranche weltweit. Um in diesem komplexen Umfeld erfolgreich zu bleiben, sollten Versicherungsunternehmen verstärkt in Partnerschaften, Mitarbeitende und innovative Tools investieren. Insbesondere bieten sich für 2026 folgende Handlungsfelder an:
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