Der jährliche Ausblick des EMEA Centre for Regulatory Strategy von Deloitte untersucht, wie sich die wichtigsten aktuellen regulatorischen Trends auf die Finanzdienstleistungsbranche in der EU sowie im Vereinigten Königreich auswirken. Zugleich zeigt der Report auf, wie Führungskräfte diese Trends frühzeitig antizipieren und wirksam darauf reagieren können.
Key Takeaways
Derzeit führen Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden weltweit eine Neukalibrierung der Regulierung und Beaufsichtigung der Finanzmärkte durch. Dabei müssen drei mächtige – manchmal konkurrierende – Einflüsse in Einklang gebracht werden: Herausforderungen für das Wirtschaftswachstum, rasante Innovationen und eingetrübte Risikoerwartungen. Diese Erwartungen sind zunehmend von hybriden Risiken geprägt, die sich über finanzielle, technologische und geopolitische Bereiche erstrecken.
In vielen entwickelten Volkswirtschaften bleibt das Wachstum verhalten. Von regulierten Unternehmen genutzte neue Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) versprechen Effizienzgewinne und Wachstum, bringen jedoch auch neue Risiken und Schwachstellen mit sich. Ein volatileres politisches Umfeld erschwert grenzüberschreitende Finanzgeschäfte und deren Beaufsichtigung. Das Ergebnis ist eine Regulierungswelt im Wandel: Abbau von Vorschriften an einigen Stellen, Vereinfachungen an anderen. Hinzu kommen neue regulatorische Anforderungen und regional unterschiedliche Geschwindigkeiten und Ansätze bezüglich deren Gestaltung.
Entscheider müssen beurteilen, wie diese komplexen politischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Kräfte ihre Strategien beeinflussen. Ein klar definierter Risikoappetit sollte in diesem unvorhersehbaren Umfeld die Basis für strategische Entscheidungen wie Investitionen, Technologieauswahl und Operating Models sein. Des Weiteren ist zu erwarten, dass die Bedeutung der Geschäftsführung von Tochtergesellschaften steigt, da national abweichende Bestimmungen und unterschiedliche Marktbedingungen verstärkt Entscheidungen auf lokaler Ebene erfordern. Es werden sich zweifellos Chancen ergeben, doch diese zu erkennen und zu nutzen könnte schwieriger sein als bisher gewohnt.
Der Financial Services Regulatory Outlook 2026 adressiert diese Chancen und Risiken und gibt zusätzlich Handlungsempfehlungen.
Eine bekannte Frage stellt sich mit neuer Dringlichkeit: Kann die Regulierung gleichermaßen Verbraucher:innen und Stabilität schützen, ohne dabei Innovationen und Wachstum einzuschränken? Die nationale Wettbewerbsfähigkeit ist in vielen Ländern ein zentrales politisches Ziel, und oftmals werden auch die Regulierungsbehörden dazu angehalten, dieses Ziel zu unterstützen. Als Reaktion darauf wird es eher zu einer punktuellen Deregulierung als zu einer umfassenden Rücknahme von Vorschriften kommen. Der Schwerpunkt liegt auf Vereinfachung und Entschlackung der Regulierung, wenn auch mit regional unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Vorgehensweisen.
Diese Vereinfachung ist ein Kernziel der EU für 2026. Eine ähnliche Dynamik ist in der europäischen Agenda zur Bekämpfung der Geldwäsche zu erkennen. Mittels der neuen EU-Behörde zur Bekämpfung der Geldwäsche (AMLA) und der Einführung eines EU-weit einheitlichen Regelwerks versuchen die Gesetzgeber beispielsweise, ein fragmentiertes System zu vereinfachen und zugleich konsistenter und verhältnismäßiger auszugestalten.
Einige Reforminitiativen könnten zu regulatorischen Entlastungen führen. Dies wird jedoch wahrscheinlich nur langsam und selektiv geschehen. Insgesamt werden Bereiche wie digitale Vermögenswerte oder Künstliche Intelligenz (KI) vermutlich mehr und nicht weniger Regulierung erfordern.
Die Regierungen streben nach größeren inländischen Kapitalpools, um notwendige Investitionen in Innovation, Verteidigung und Infrastruktur oder eine bessere Altersvorsorge zu finanzieren. Angesichts des begrenzten fiskalischen Spielraums rückt dabei die Mobilisierung von privaten Ersparnissen zunehmend in den Fokus.
Zur Erreichung dieser Ziele setzt die EU mehrere Hebel ein. Insbesondere die Spar- und Investitionsunion (SIU) zielt darauf ab, das Kapital von Kleinanleger:innen beispielsweise über steuerbegünstigte Anlagekonten in produktive Vermögenswerte zu lenken und die Kapitalmärkte in der EU zu harmonisieren. Zugleich wird der Verbraucherschutz gestärkt: In der EU verbindet das „Paket zu Anlageprodukten für Kleinanleger“ vereinfachte Anlageprozesse mit strengeren Regeln zu Anreizen bzw. Provisionen und Offenlegungspflichten.
Der bröckelnde globale Konsens zeigt sich zunehmend in der Entwicklung der Mindestkapitalanforderungen für Banken. Das Basler Rahmenwerk – einst der Grundpfeiler der Zusammenarbeit nach der Finanzkrise – gerät zunehmend ins politische Fadenkreuz. In den USA bleibt der Zeitplan für die Umsetzung ihres „Endgame”-Pakets weiter unklar.
Die EU und das Vereinigte Königreich haben die Umsetzung des Fundamental Reviews of the Trading Book (FRTB) bereits auf Januar 2027 verschoben, wobei die überarbeiteten Regeln für interne Marktrisikomodelle in UK erst 2028 in Kraft treten. Die EU könnte abweichend davon möglicherweise Erleichterungsmaßnahmen für das FRTB verabschieden, die eine Erhöhung der Kapitalanforderungen für Marktpreisrisiken bis Januar 2030 erheblich begrenzen könnten.
Auch international variiert die Umsetzung der Basler Rahmenwerke. Viele Jurisdiktionen – darunter die Schweiz, Kanada, China, Japan, Hongkong SAR und Singapur – haben die Standards vollständig umgesetzt, während Australien weiterhin nur eine teilweise Übernahme vorgenommen hat. In anderen aufstrebenden Volkswirtschaften schreitet der Fortschritt langsamer voran.
Sollten die USA die Umsetzung des FRTB ablehnen, könnte dies weltweit zu divergierenden Anpassungen der Kapitalanforderungen führen. Für die Banken erschwert dies die Kapitalbedarfsplanung und die strategische Kapitalallokation. Die praktische Antwort darauf ist eine szenariobasierte Kapitalplanung für unterschiedliche Regulierungspfade.
Grundsätzlich gefährdet eine verzögerte und uneinheitliche Umsetzung den ursprünglichen Zweck des Basler Rahmenwerks (d. h. die Stärkung der globalen Finanzstabilität durch robuste, risikosensitive Kapitalanforderungen). Eine Fragmentierung birgt zudem die Gefahr, dass neue systemische Schwachstellen entstehen und dadurch Möglichkeiten für Regulierungsarbitrage geschaffen werden.
Darüber hinaus wirft sie grundsätzliche Fragen auf, wie Regierungen, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden künftig auf globale Schocks reagieren könnten – von privaten Kreditengpässen bis hin zu schwerwiegenden operativen Zwischenfällen. Eine global koordinierte Reaktion, wie sie während der weltweiten Finanzkrise zu beobachten war, bleibt zwar das zentrale Szenario, sollte jedoch nicht als selbstverständlich angesehen werden. Unternehmen müssen bei ihren Szenarioanalysen zunehmend die Auswirkungen eines möglichen Schocks berücksichtigen, der zu uneinheitlichen, potenziell widersprüchlichen nationalen Interventionen führen könnte.
Digitale Vermögenswerte und Blockchain-Technologien verändern sowohl die Investitions- als auch die Zahlungslandschaft. Auf der Vermögensseite beobachten wir anhaltende Bemühungen, diese Innovationen zu nutzen, um die Emission, den Handel und die Abwicklung von Wertpapieren zu rationalisieren, wodurch Teilinvestitionen ermöglicht und somit der Zugang für Kleinanleger:innen verbessert werden. In diesem Jahr erwarten wir jedoch die größten Veränderungen auf der Zahlungsseite: Stablecoins und tokenisierte Einlagen rücken als Branchenprioritäten in den Mittelpunkt, getrieben vom Versprechen schnellerer, günstigerer und programmierbarer Zahlungen. Die Ausgabe von Stablecoins sowie deren Verwendung in der Praxis nimmt weiterhin stark zu.
Innerhalb des bestehenden Bankaufsichtsrechts entwickeln sich tokenisierte Einlagen parallel und könnten sich dauerhaft neben Stablecoins etablieren. Ihre Verankerung in den Bankbilanzen geht mit reduzierten Kontrahenten- und Reputationsrisiken einher, wodurch sie sich beispielsweise für konzerninterne Bargeldtransfers eignen. Stablecoins, die öffentliche Blockchains nutzen, eignen sich für grenzüberschreitende Privatkunden- und Business-to-Business Zahlungsströme. Der strategische Vorteil liegt hierbei in der Interoperabilität: Ein nahtloser Übergang zwischen beiden könnte die Akzeptanz erhöhen.
Digitale Zentralbankwährungen für Privatkunden zeigen eine gemäßigte und uneinheitliche Dynamik, obwohl Fortschritte in wichtigen Rechtsräumen (z. B. China und Indien) die regionale oder globale Dynamik verändern könnten. Die Beobachtung und Analyse des Zusammenspiels zwischen Stablecoins und tokenisierten Einlagen ist entscheidend, um fundierte strategische Entscheidungen zu treffen.
Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) schreitet kontinuierlich voran, auch wenn die Skalierung und der Nachweis klarer wirtschaftlicher Erträge nach wie vor zentrale Herausforderungen bleiben. Gesetzgeber, die Innovation und Wachstum vorantreiben wollen, bauen Initiativen zur Unterstützung eines sicheren KI-Einsatzes weiter aus. Mit zunehmender Verbreitung wird es jedoch wahrscheinlich zu einer strengeren Regulierung kommen.
Da KI immer tiefer in Kerngeschäftsprozesse und Entscheidungsfindungen eingebettet wird, werden die Aufsichtsbehörden strenge Tests, umfassende Dokumentation, messbare Ergebnisse und Rechenschaftspflicht auf Vorstandsebene verlangen. Die KI-Agenda steht in direktem Zusammenhang mit der operativen Widerstandsfähigkeit und der wachsenden Abhängigkeit von Drittanbietern.
Die Frist für die Einhaltung des EU AI Acts für Hochrisikosysteme wird voraussichtlich um bis zu 16 Monate über dem ursprünglichen Termin (August 2026) hinaus verlängert werden. Diese Verzögerung ist erforderlich, um technische Standards zu finalisieren und regulatorische Klarheit zu schaffen.
Die Finanzaufsichtsbehörden verschärfen parallel die Kontrollen im Rahmen der bestehenden und technologieneutralen aufsichtlichen Rahmenwerke. Eine kritische Lücke bleibt jedoch bestehen: Systemische Risiken und Konzentrationsrisiken, die von Anbietern grundlegender KI-Modelle ausgehen, werden von den bestehenden Regelungen noch nicht vollständig erfasst. Vorerst sollten Unternehmen ihre Strategien zur Einführung von Künstlicher Intelligenz kalibrieren, eine klare Risikobereitschaft festlegen und eine Governance aufbauen, die verantwortungsvolle Experimente und Skalierungen innerhalb ihrer Risikotoleranzen unterstützt.
Trotz regionaler Unterschiede verfolgen Regulierungsbehörden weltweit ein gemeinsames Ziel: Innovation zu fördern, ohne dabei eine risikobasierte Aufsicht zu vernachlässigen. Das Kernprinzip besteht darin, dass KI-basierte Prozesse ein solides Risikomanagement nicht außer Kraft setzen dürfen. Unternehmen können KI zügig einführen, sofern sie gleichermaßen in wesentliche Fähigkeiten und Sicherheitsvorkehrungen investieren: Eine klar definierte Risikobereitschaft, starke interne Kontrollen, ein robustes Risikomanagement und vor allem die Verantwortlichkeit für die erzielten Ergebnisse.
Das regulatorische Umfeld unterliegt derzeit einer komplexen Neukalibrierung, da Politik und Aufsichtsbehörden inmitten eines schwierigen Risiko- und geopolitischen Umfelds Wachstum und Innovation vorantreiben wollen. Dieser tiefgreifende Wandel beinhaltet in einigen Bereichen eine Deregulierung und in anderen wiederum eine Straffung der Regulierung. Das Ergebnis ist ein zunehmend fragmentiertes Regulierungs- und Aufsichtsumfeld, da die nationalen Akteure ihre eigenen Ziele verfolgen, während die globale Koordination schwindet.
Gleichzeitig verstärken sich bestehende oder entstehen neue Risiken: Von generativer und agentischer KI über digitale Vermögenswerte bis hin zu operativer Resilienz und geopolitischen Herausforderungen. Dieses Zusammentreffen von globalen regulatorischen Divergenzen, sich schnell entwickelnden Risiken und dem daraus resultierenden regulatorischen Anpassungsdruck wird die Lage für Unternehmen komplexer machen. Dennoch sollten Vorstände und Führungskräfte auch die Chancen berücksichtigen, die diese Veränderungen mit sich bringen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt der Risikoappetit eine immer wichtigere Rolle. Unternehmen müssen das Ausmaß, die Komplexität und die Entwicklung zukünftiger Risiken vollumfänglich verstehen und sich darüber im Klaren sein, innerhalb welcher Grenzen sie konkurrieren, innovativ sein und investieren wollen. Proaktiv definierte Risikogrenzen und -toleranzen sollten wichtige Entscheidungen leiten, anstatt lediglich im Nachhinein die Ergebnisse zu kontrollieren.
Laden Sie hier den Financial Services Regulatory Outlook 2026 herunter und erfahren Sie mehr.
Gerne tauschen wir uns über die Relevanz dieser Themenfelder für Ihr Unternehmen aus und unterstützen Sie im Rahmen der anstehenden regulatorischen Entwicklungen.