Banken spielen eine Schlüsselrolle für die nachhaltige Transformation der Wirtschaft. Doch wie konsequent berücksichtigen deutsche Banken Klima- und Biodiversitätsziele in ihren Strukturen, Entscheidungen und Produkten? Das dritte WWF-Bankenrating analysiert, wie weit 15 große deutsche Institute bereits sind – und inwiefern noch Handlungsbedarf besteht.
Resilienz und Wertschöpfungspotenziale bleiben im aktuellen makroökonomischen und geopolitischen Umfeld von Nachhaltigkeit beeinflusst. Unternehmen, die materielle Klima- und Biodiversitätsaspekte konsequent in Strategie und Steuerung integrieren, erhöhen ihre Resilienz und sichern Wettbewerbsfähigkeit. Die globale Risikolage unterstreicht den Handlungsdruck: Umwelt- und Naturrisiken zählen laut dem Global Risks Report 2025 des WEF zu den gravierendsten Treibern für Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten. Auf der Finanzsystemseite zeigen europaweite Analysen und Klimastresstests, dass eine ungeordnete Transition signifikante Kreditverluste und Kapitalbelastungen verursachen kann, während geordnete Übergänge Risiken messbar reduzieren und damit zu einem Wettbewerbsfaktor werden. Die finanziellen Auswirkungen der Nichtanpassung wären ungleich höher (siehe dazu auch The Economic Benefits of Climate Action und Inevitable Policy Response).
Abb.1. Ergebnisse des Gesamtratings in Punkten (sortiert in absteigender Reihenfolge nach den Gesamtpunkten) - Quelle: WWF Bankenrating 2025, Seite 17
Deutliche Fortschritte haben die Institute im Bereich der Klimaeinbettung und -quantifizierung geleistet. Offen bleibt zumeist eine klare Integration in die finanzielle Performance des Instituts insbesondere auf der Chancen-Seite. Die Risikoperspektive ist weiterhin der zentrale Treiber für Nachhaltigkeitsmaßnahmen im Bankensektor. Auch die konkrete Quantifizierung und Verankerung erfolgen bislang überwiegend im Bereich Klima. Viele Institute haben bereits sektorbasierte Dekarbonisierungspfade für ihre Kreditportfoliosdefiniert und setzen damit klare Signale für den Klimaschutz.
Die Entwicklung im Bereich Biodiversität befindet sich noch in einer frühen Phase: Das Thema wird häufig erst jetzt erkannt, was auch die Analysen der Finanzaufsicht nahelegen. Dabei können methodische Entwicklungen dazu führen, dass aktuelle Materialitätseinschätzungen sich hin zu höherer Materialität verändern werden. Eine strategische Verankerung ist bislang selten erfolgt. Während Klimarisiken zunehmend in Steuerungsprozesse integriert werden, fehlt es bei Biodiversitätsrisiken noch an klaren Vorgaben und messbaren Zielen. Die Quantifizierung der Auswirkungen für die Institute ist nochnicht ausgereift.
Internationale Studien unterstreichen die Dringlichkeit, Klima und Biodiversität strategisch im Finanzsektor zu integrieren: Der aktuelle Global Risks Report des World Economic Forum (WEF) zeigt, dass extreme Wetterereignisse bereits in naher Zukunft zu den größten globalen Risiken zählen werden. Im Zeithorizont von zehn Jahren sind vier der fünf Top-Risiken klima- oder biodiversitätsbezogen. Auch der Deloitte Global CXO Sustainability Report 2025 bestätigt: 45 Prozent der Führungskräfte sehen Klimawandel und Nachhaltigkeit als größte Herausforderung der kommenden Jahre.
Die Finanzaufsicht erhöht den Druck: Sie fordert von Banken, Biodiversitätsrisiken ernst zu nehmen, und verschärft entsprechende Anforderungen zur Offenlegung. Die EZB fordert schon seit dem Jahr 2020, naturbezogene Risiken in den Kredit- und Finanzrisiken zu berücksichtigen. Ab Januar 2026 gelten für „Bedeutende Institute“ die neuen EBA-Leitlinien für ESG-Risiken für das Risikomanagement, entlang derer auch Biodiversität in der Analyse des Portfolios vorgesehen wird. Laut der EBA-Leitlinien sollten Institute ESG‑Risiken in ihr Risikomanagement integrieren, indem sie ESG als potenzielle Treiber aller traditionellen Kategorien finanzieller Risiken berücksichtigen– einschließlich Kredit‑, Markt‑, operationeller, Reputations‑, Liquiditäts‑, Geschäftsmodell‑ und Konzentrationsrisiken.
Institute sollten einen robusten Ansatz zur Steuerung und Reduzierung von ESG‑Risiken kurz‑, mittel‑ und langfristig verfolgen (Zeithorizont von mindestens zehn Jahren; Nutzung von einer Bandbreite von Risikomanagement‑Instrumenten; aktiven Einbindung von Gegenparteien). ESG‑Risiken sollten hierbei in die Regelprozesse eingebettet werden, u. a. in den Risk Appetite, die internen Kontrollen und den ICAAP (Internal Capital Adequacy Assessment Process). Die ESG‑Risiken müssen dann in die Reporting‑Rahmen und rück‑ und vorausschauender ESG‑Risikokennzahlen und Indikatoren überwacht werden.
Das WWF-Bankenrating 2025 macht deutlich, dass eine finanzielle Integration von Klima- und Biodiversitätsrisken hin zu einer langfristigen Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz nicht abgeschlossen ist. Inhaltlich bleibt insbesondere offen, inwiefern Banken eine Einordnung in das sich durch Klima- und Biodiversitätsrisiken verändernde nationale und internationale makroökonomische und geopolitische Umfeld strategisch berücksichtigen.
Die strategische Verankerung von Klima und Biodiversität ist in der Breite noch nicht erreicht. Nur einige der Banken verfügen über eine integrierte Klimastrategie; im Bereich Natur sind es noch deutlich weniger. Es fehlt an einer konsequenten und öffentlichen Steuerung der Strategien, da die konkreten Anforderungen bislang nicht eindeutig erkennbar sind.
Die Analyse lässt vermuten, dass in der materiellen Einbindung von Klima und Biodiversität als Treiber der finanziellen Performance Lücken vorliegen. Klima und Biodiversität sollten methodisch in allen Geschäftsbereichen integrieret sein - mit klaren, quantifizierbaren Zielen, konzernweitem Umsetzungsplan, sowie öffentlicher, expliziter Steuerung (KPIs/KRIs, Risk Appetite, Limits, Eskalation).
Entscheidend ist, die Bilanz‑ und Kapitalallokation („dynamic balance sheet“) sichtbar zu machen: Wo entstehen Chancen (im aktuellen Portfolio, in neuen Bereichen, sowie in spezifisch definierter Transition Finance, grünen Produkten)? Wo müssen Risiken (Stranded Assets, Phase‑Out) abgebaut werden? Erst mit dieser Kopplung entfaltet Strategie operative und finanzielle Wirkung.
Etwa zwei Drittel der Banken erfüllen die Klimakriterien bei der Risikoanalyse, während Biodiversitätsrisiken noch seltener und bislang überwiegend qualitativ adressiert werden. Bei der Risk Integration erreicht eine Mehrheit der Banken im Klimabereich eine verankerte Einbindung, wobei die quantitative Integration noch nichtabgeschlossen und bei Biodiversität erst in der Entwicklung ist.
Gefordert sind Transparenz zur Abdeckung und Methodik, der Ausbau quantitativer Ansätze (Szenarien, Stresstests, Hotspots, Lieferketten‑Exponierung) sowie die symmetrische Einbindung biodiversitätsbezogener Risiken in Risk‑Appetite‑Statements, Limits und Kreditprozesse (inkl. Auswirkungen auf PD/LGD).
Im Firmenkundengeschäft zeigt sich ein gemischtes Bild: Engagement mit Kund:innen aus High‑Impact‑Sektoren ist noch Minderheitenpraxis, während spezialisierte Produkte bereits Mehrheitsniveau erreichen. Im Immobilienbereich sind Kundenengagement und Training/Incentivierung der Berater:innen klar ausbaufähig.
Die Wirksamkeit steigt, wenn zugrunde liegende Evidenz die Engagement‑Aussagen stützt und Eskalationspfade mit Meilensteinen/Konsequenzen verlässlich greifen. Preisstellung und Covenants sollten Klima-/Biodiversitäts‑Leistung messbar reflektieren, während Beratung (Business‑Case‑Rechner, energetische Modernisierung, und grüne Produktpalette) systematisch in den Standardprozess gehört. Schulungen, dedizierte Expertise und Anreizsysteme auf der Marktseite erschließen neue Finanzierungspotenziale aus der systematischen Prüfung des „dynamic balance sheet“.
Finanzinstitute sollen zunehmend berücksichtigen, inwiefern Klima und Biodiversität ihre zukünftige Resilienz und Wertschöpfungspotenziale beeinflusst, und somit materielle Klima- und Biodiversitätsaspekte konsequent in Strategie und Steuerung integrieren. Vor allem die finanzielle Integration von Klima- und Biodiversitätsthemen ist essenziell. Bei Biodiversität braucht es eine methodisch saubere Ableitung von Risiken und Chancen entlang der Wertschöpfungskette, zum Beispiel mit belastbaren Daten-/Szenarioansätzen und messbaren Zielen je Portfolio. Gleichzeitig sollten die Opportunitäten aktiv gestärkt werden: naturpositive Finanzierungen und Produkte und ein systematisches Kunden-Engagement mit klarer Eskalationslogik.
Analysen der Aufsichtsbehörden zeigen, dass Resilienz und Wertpotenziale in Finanzinstituten weiterhin substanziell von Klimatransition, physischen Risiken und dem Verlust von Naturkapital beeinflusst werden. Hinzu kommt die Wirkung geopolitischer Handelsmaßnahmen bspw. unter dem Stichwort Zirkularität. Das Bankenrating des WWF bietet eine Indikation, wie tiefgreifend und funktionsübergreifend die untersuchten Institute die Analyse und Realisierung von Opportunitäten sowie Vermeidung von Risiken bereits systematisch intern und extern sichtbar verankert haben.
Dr. Nicole Röttmer, Offering Lead | Sustainability
Grundlage des vom WWF mit Deloitte als Umsetzungspartner erstellte WWF-Bankenratings ist ein umfassender Fragebogen mit 55 Fragenkomplexen in den drei Bereichen Governance, Finanzieren und Investieren, der an 15 große Banken in Deutschland versendet wurde. Die Fragen konzentrieren sich auf jene Aspekte, bei denen Banken durch ihre Entscheidungen direkt Einfluss auf Klima- und Biodiversitätsaspekte in ihrem Kerngeschäft nehmen und zur wirtschaftlichen Transformation beitragen. Vier Banken füllten den Fragebogen selbst aus. Alle anderen Banken wurden auf Basis öffentlich verfügbarer Informationen analysiert und bewertet. Dabei wurden nur von den Instituten selbst veröffentlichte Dokumente berücksichtigt. Informationen Dritter flossen nicht in die Bewertung ein. Allen Instituten wurde die Gelegenheit gegeben, Ergänzungen einzubringen, die in der endgültigen Bewertung berücksichtigt wurden. Laden Sie hier den Methodenbericht herunter für weitere Informationen zur Methodik.