Kunst ist ein wesentlicher Investitionsbereich für Family Offices und Vermögensverwaltungen, dessen Bedeutung in Zukunft noch zunehmen wird. Das zeigt der neunte Art & Finance Report von Deloitte und ArtTactic, an dem 231 Kunstexpert:innen, 119 Sammler:innen, 37 Family Offices und 65 Privatbanken mitwirkten. Zusätzlich wurden Daten von führenden regionalen Märkten und Auktionshäusern ausgewertet. Auf dieser Basis liefert der neue Report wertvolle Erkenntnisse zu Themen wie dem generationenübergreifenden Vermögenstransfer, der Kunstbeleihung und den aktuellen Herausforderungen im Kunstmarkt.
Kunst, Wertgegenstände und Sammelobjekte sind als Anlagebereich nicht mehr wegzudenken. Als 2011 der erste Art & Finance Report erschien, hatte nur ein Viertel der befragten Vermögensverwaltungen Kunst-bezogene Dienstleistungen im Angebot. Laut der neuen Ausgabe von 2025 sind es inzwischen 51 Prozent, und 79 Prozent der Stakeholder (Verwaltungen, Sammler:innen und Kunstexpert:innen) befürworten die Integration von Kunst-Services ins Angebot. Aus Sicht der Vermögensverwaltungen haben entsprechende Leistungen strategische Bedeutung für die Differenzierung am Markt und die Kundenbindung. Kunst-Services sind wichtig für ein ganzheitliches Angebot, und sie stoßen auf eine ausgeprägte Nachfrage. Denn für vermögende Kund:innen ist die Anlageklasse von hohem Interesse: 25 Prozent aller Ultra-High-Net-Worth-Individuals (UHNWIs, Vermögen über 30 Millionen US-Dollar) sammeln aktiv Kunst, und viele von ihnen investieren dabei mehr als zehn Prozent ihres Vermögens (geschätzter Durchschnitt: 10,4%).
Sowohl die Zielgruppe der vermögenden Kunstinvestor:innen
als auch das verfügbare Kapital werden in den kommenden Jahren deutlich wachsen. Die Zahl der Kunst sammelnden UHNWIs betrug im Jahr 2024 rund 121.000 Personen, insgesamt haben sie etwa 2,56 Billionen US-Dollar in Kunst und Sammelobjekte angelegt (2022: 2,17 Billionen US-Dollar). Bis 2030 könnte dieser Betrag laut dem Report auf projizierte 3,47 Billionen US-Dollar ansteigen, die Gruppe der Kunst sammelnden UHNWIs auf über 163.000. Daran haben NextGen-Sammler:innen (35 Jahre und jünger) einen entscheidenden Anteil. Im kommenden Jahrzehnt werden von Personen mit einem Vermögen von über fünf Millionen US-Dollar weltweit insgesamt voraussichtlich knapp 31 Billionen US-Dollar vererbt. UHNWIs besitzen 64 Prozent dieses Betrags (19,84 Billionen US-Dollar). Selbst wenn nur ein kleiner Teil davon in Kunst investiert wird, dürfte das erhebliche langfristige Auswirkungen auf den Kunstmarkt und die Prioritäten der Sammler:innen und Anleger:innen haben.
Vermögensverwaltungen müssen beachten, dass sich die Ansprüche der Sammler:innen an Kunst als Kapitalanlage derzeit wandeln, insbesondere bei den NextGen-Sammler:innen. Diese Gruppe priorisiert bei der
Kunstanlage zunehmend Werte wie Identität, Vermächtnis und kulturellen Impact. Die finanzielle Rendite hat demgegenüber für 72 Prozent dieser Generation geringere Bedeutung, und nur 52 Prozent nennen Rendite als ein Hauptmotiv (2023: 83%). Unter den Sammler:innen insgesamt steigt zugleich der Anteil derer, die ausschließlich kulturelle und emotionale Motive verfolgen, auf neue Höchstwerte.
Vermögensverwaltungen sollten daher vermehrt in ganzheitliche Strategien investieren, mit denen sie unter anderem dem Bedürfnis nach kulturellem Impact Investment gerecht werden. Hierfür kommen auch innovative Lösungen in Frage, beispielsweise auf der Basis von Blended Finance, also der Kombination von öffentlichen, privaten und wohltätigen Investitionen zur effektiveren Unterstützung von Kultur und Kreativwirtschaft. Das Potenzial ist groß: Derzeit existieren weltweit nur 50 aktive Funds im Bereich der Kreativwirtschaft, die insgesamt Investitionen von etwa 22 Milliarden US-Dollar verwalten.
Durch Kredite, die mit Kunstgegenständen besichert sind (Art-secured Lending), können Vermögensverwaltungen flexibel Liquidität generieren und einen größeren Impact erzielen, etwa mit Investitionen in andere Geschäftsinteressen ihrer Kund:innen. Auch für die Diversifizierung sowie für die Nachlassplanung ist die Kunstbeleihung interessant. Der Markt wächst um geschätzte zehn Prozent jährlich und dürfte 2025 einen Umfang von 33,9 bis 40 Milliarden US-Dollar erreichen. Durch eine erhöhte Transparenz bei Kunstinvestitionen könnte signifikantes weiteres Potenzial realisiert werden. Wichtige Hebel dafür sind ebel dafür sind Technologie-gestützte Ansätze und spezialisierte Expertise.
Die langfristige Rendite von Kunstanlagen kann mit den Aktienmärkten nicht mithalten. In den vergangenen 20 Jahren erreichte der Artnet Fine Art (Top 100) Index eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von nur 3,2 Prozent gegenüber 10,4 Prozent beim US-Aktienindex S&P500. In der zurückliegenden Dekade erzielte der Fine Art Index mit -2,9 Prozent jährlich sogar Verluste (S&P 500: 13,3%). Zuletzt konnte sich der Index nach einem schwierigen Jahresauftakt allerdings erholen. Bis Mitte 2025 stieg die Rendite auf 4,9 Prozent über zwölf Monate. Kunstanlagen bleiben trotz dieses durchwachsenen Renditeprofils ein wichtiger Portfoliobestandteil. Sie sorgen für Diversifizierung, bieten nachhaltigen Inflationsschutz und fungieren als Währungs-Hedge. Fractional Ownership (anteiliger Kunstbesitz) und die Tokenisierung von Kunst-Assets durch Krypto-Technologien schaffen zusätzliche Investitionsmöglichkeiten. Für die Entwicklung von neuen Anlageprodukten mit Kunstfokus empfiehlt sich ein Ansatz,der über das rein passive Investieren hinausgeht.
Der Kunstmarkt ist nach wie vor von starker Fragmentierung geprägt. Bei Preisfindung, Transparenz und Markteffizienz bestehen Herausforderungen für das Risikomanagement. Von den befragten Vermögensverwalter:innen sehen 82 Prozent eine zeitnahe Modernisierung des Marktes als entscheidend, doch die kurzfristigen Erfolgsaussichten für Reformen schätzen sie zunehmend skeptisch ein. Die Stakeholder ziehen dabei weiterhin die Selbstregulierung der Branche einer staatlichen Regulierung vor. Allerdings stehen die aktuellen Ansätze der Selbstregulierung unter erhöhtem Druck, sich an gewandelte Bedingungen anzupassen.
Generell sollten Stakeholder wie Künstler:innen, Galerien, Berater:innen und Sammler:innen stärker kooperieren. Für die Lösung der Herausforderungen im Kunstmarkt bieten sich darüber hinaus vor allem technologische Ansätze an: 55 Prozent der Stakeholder sind der Meinung, dass Technologie große Relevanz für die Kunst- und Vermögensverwaltung hat (2023: 48%). Vielversprechend ist beispielsweise die Bewertung von Objekten mit Unterstützung durch künstliche Intelligenz (KI). Auch dem Blockchain-basierten Tracking der Provenienz wird großes Potenzial zugerechnet. Allgemein dürfte der verstärkte Einsatz von KI und Blockchain jedenfalls Vertrauen und Effizienz im modernen Kunstmarkt nachhaltig erhöhen.