Die Verschärfung der geopolitischen Spannungen und Bedrohungen hat erhebliche Implikationen für Europas Verteidigung. Da viele EU- und NATO Mitglieder ihre Verteidigungsfähigkeiten ausbauen, erhöhen sich Budgets und Nachfrage massiv. Zugleich erschweren die Komplexität der europäischen Sicherheitsarchitektur und die Unsicherheiten der zukünftigen Entwicklungen die strategische Planung. Um einen Rahmen für die anstehenden Weichenstellungen abzustecken, identifiziert Deloitte die wichtigsten Treiber und entwickelt mögliche Szenarien als Entscheidungsgrundlage – von den „Vereinigten Streitkräften von Europa“ bis zum isolierten Nebeneinander „nationaler Festungen“.
Die vier Szenarien beschreiben extreme, aber plausible unterschiedliche Entwicklungen der europäischen Sicherheitslandschaft bis zum Jahr 2040. Diese divergenten Zukunftsszenarien sind nicht als Prognosen gemeint, sondern als empirisch fundierte Denkmodelle für die strategische Aufstellung. Eine eingehende Untersuchung der Ausgangslage, der kritischen Faktoren und der herrschenden Unsicherheiten schafft dafür die Grundlage.
Seit 2021 haben sich die Verteidigungsausgaben der Europäischen Union um 51 Prozent erhöht1. Den NATO-Richtwert von zwei Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts erreichen laut Schätzungen inzwischen sämtliche 32 Mitglieder des Bündnisses. Im Rahmen dieser sicherheitspolitischen Zeitenwende müssen jedoch erhebliche Herausforderungen bewältigt werden. Die hochgradige Fragmentierung von Verteidigung und Beschaffung in Europa aufgrund nationaler Prioritäten führt zu Defiziten und Ineffizienzen, etwa bei Logistik, Zusammenarbeit und Interoperabilität. Dazu kommen neue technologische und strategische Entwicklungen wie Cyberbedrohung, Weltraumsicherheit und Informationskriege, die adressiert werden müssen. Nicht-konventionelle, hybride Kriegsführung steht zunehmend im Mittelpunkt. Drei Schlüsselfaktoren sind für die kommenden Jahre zentral:
Diese Schlüsselfaktoren betreffen eine Reihe von Stakeholder-Gruppen, die für die Szenario-Analyse berücksichtigt werden: politische Entscheidungsträger:innen, europäische Rüstungskonzerne, europäische Streitkräfte, internationale Verbündete, Bürger:innen, Industrieunternehmen und Technologieunternehmen.
1 European Council, Defense Numbers, abgerufen am 06.01.2026.
In einem Umfeld großer Unsicherheit können sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Strategiebildung nicht auf lineare Prognosen verlassen, sondern müssen unterschiedliche Szenarien bedenken. Die bewährte Szenario-Methodik von Deloitte ermöglicht eine solche differenzierte Vorgehensweise auf Basis detaillierter Analysen der wichtigsten 90 Treiber aus Politik, Wirtschaft, Technologie, Wissenschaft und Gesellschaft.
Besonders relevant sind dabei zunächst die „kritischen Trends“ mit hoher Auswirkung und hoher Eintrittswahrscheinlichkeit (z.B. Normalisierung ständiger Konflikte). Sie bezeichnen Trends, die höchstwahrscheinlich in jedem der entwickelten Szenarien prägend sein werden, etwa bei den europäischen Verteidigungsausgaben. Laut Expertenschätzungen werden diese dauerhaft auf über drei Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts steigen. Aufgrund der demographischen Entwicklung befindet sich Europa außerdem weiterhin in einer Rekrutierungskrise. KI wird trotz ethischer Bedenken zunehmend Teil der Kriegsführung, und dem Thema Weltraum kommt eine hohe strategische Bedeutung zu. Lieferketten stellen große Herausforderungen bei der Beschaffung (u.a. seltene Erden, Halbleiter), Verteidigung erhält eine zunehmend gesamtgesellschaftliche Dimension.
Ebenso prägend, aber nicht eindeutig vorhersehbar sind die „kritischen Unsicherheiten“ mit hoher Auswirkung und unklarer Eintrittswahrscheinlichkeit (z.B. Entwicklung der NATO). Um die unterschiedlichen möglichen Entwicklungen übersichtlich antizipieren zu können, verdichtet die Untersuchung diese Unsicherheiten zu zwei Kernfragen:
Diese beiden Themen bilden die Achsen einer Matrix, aus der die folgenden vier divergenten, aber plausiblen Szenarien für 2040 abgeleitet werden.
Szenariomatrix, Deloitte 2026
In diesem Szenario liegt der Fokus weiterhin auf konventionellen Fähigkeiten, die von den einzelnen Nationen unabhängig verantwortet werden – eine europäische Sicherheitsintegration wird politisch abgelehnt. Dabei ergeben sich unterschiedliche nationale Schwerpunkte: Deutschland wird in der Panzerentwicklung führend sein, Frankreich setzt verstärkt auf nukleare Flugzeugträger und Großbritannien auf moderne Unterwasser-Fähigkeiten. In hybride Kriegsführung und Cyberfähigkeiten wird nur begrenzt investiert. Wirtschaftlicher Strategiefokus ist der Schutz der nationalen Verteidigungsproduktion. Wehrdienst und Zivilschutz werden ausgebaut, einschließlich obligatorischer jährlicher Verteidigungsübungen. Rüstungshersteller profitieren von staatlichen Garantien, müssen aber aufwendige Vorkehrungen für sichere Lieferketten treffen. Zivilunternehmen schaffen zusätzliche Optionen durch Dual-Use-Kapazitäten.
Auch im zweiten Szenario bleibt die europäische Verteidigung weitgehend unter der Kontrolle der einzelnen Nationalstaaten. Die konventionellen Domänen werden jedoch nicht mehr als vorrangig entscheidend angesehen: Cyberoperationen, militärische Nutzung des Weltraums, Handelsmaßnahmen und Informationsmanipulation erweitern nun das strategische Arsenal entscheidend. Dafür entwickeln die Staaten unabhängige Fähigkeiten für Wirtschaftskriegsführung, Finanzmarktmanipulation und Desinformation sowie satellitenbasierte Kommunikation und Navigation. Um die Technologisierung im nationalen Alleingang zu bewältigen, werden in den Bildungssystemen MINT-Themen priorisiert. Entsprechend arbeiten Rüstungshersteller verstärkt in Bereichen wie Softwareentwicklung, Weltraumfähigkeiten und KI-Systemen. Die Unabhängigkeit bei kritischen Komponenten wird durch hohe Subventionen für die europäische Halbleiterindustrie gesichert. Rüstungs-Start-ups entwickeln innovative Lösungen, zivile Technologieunternehmen werden in die Sicherheitsstrategie integriert.
Dieses Szenario beschreibt demgegenüber eine Welt, in der die Sicherheitsintegration Europas weit fortgeschritten ist. Ziel ist es, ein militärisches Gegengewicht zu Nordamerika, Russland und China aufzubauen. Schwerpunkt der Verteidigungsaktivitäten bleibt hier allerdings die konventionelle Kriegsführung. Das große Budget für die gesamteuropäischen Streitkräfte mit ihren multinationalen Einheiten wird vom Europäischen Parlament gesteuert. Europäische Standards und koordinierte Beschaffung erhöhen die Effizienz der Rüstungsprojekte. Auf gesellschaftlicher Ebene entsteht eine europäische Militärkultur. Häufige grenzüberschreitende Übungen sind die Regel. Für die europäische Rüstungsindustrie bedeutet dieses Szenario einen Aufstieg zu globaler Exzellenz. Große Konzerne kombinieren lokale Kompetenzen und optimieren ihre Lieferketten. Zivilunternehmen aus Bereichen wie Logistik und Energie beteiligen sich am Aufbau resilienter Strukturen.
Im vierten Szenario ist ebenfalls eine weitgehende Integration europäischer Verteidigungsfähigkeiten kennzeichnend. Im Vordergrund stehen aber Cyber-, Weltraum-, Wirtschafts- und Informationskriegsführung. Diese werden von der Europäischen Agentur für hybride Verteidigung koordiniert, die mit einem großen Budget ausgestattet ist. Das Europäische Parlament steckt die Rahmenbedingungen ab. Wichtigste Militärorganisation des Kontinents wird das European Cyber Command, das spezialisierte Einheiten aufstellt, beispielsweise um Lieferketten, Finanzsysteme und Digitalinfrastruktur zu schützen. Die europäische Rüstungsindustrie investiert massiv in zukunftsweisende Technologien. Es entstehen neue gesamteuropäische Verteidigungskonzerne ebenso wie innovative Start-ups. Durch Nutzung europäischer Synergien wird dabei ein neues Niveau an Effizienz erreicht. Zivile Technologien erweitern die strategischen Möglichkeiten, etwa durch Quantencomputing. Betreiber kritischer Infrastrukturen erfüllen hohe Anforderungen an die Bedrohungserkennung und die koordinierte Reaktionsfähigkeit im Krisenfall.
Die vier vorgestellten Szenarien beschreiben teils extreme Verschiebungen gegenüber dem Status quo. Die Stakeholder der europäischen Verteidigungslandschaft können diese unmöglich alle gleichzeitig priorisieren. Doch die Szenarien unterstützen dabei, die diversen, teils widersprüchlichen Entwicklungen zu antizipieren. So können entsprechende strategische Anpassungen frühzeitig umgesetzt werden, sobald sich die Realität in die eine oder andere Richtung weiterentwickelt. Für solche Anpassungen bilden die beiden Achsen der Szenario-Analyse gewissermaßen die Leitplanken – also der Grad der europäischen Verteidigungsintegration und der Verschiebung hin zur nicht-konventionellen Kriegsführung.
Auf dieser Basis gibt die Szenario-Analyse abschließend detaillierte Handlungsempfehlungen für die unterschiedlichen Stakeholder-Gruppen. Europäische Rüstungsunternehmen beispielsweise sollten sich mittelfristig dafür aufstellen, integrierte ebenso wie national segmentierte Märkte zu bedienen, etwa durch Investitionen in modulare Systeme. Nicht-konventionelle Wachstumschancen und Potenziale in skalierbaren Nischenbereichen sollten überprüft werden, ein verstärkter Fokus auf resiliente Lieferketten ist unerlässlich.
Die Handlungsempfehlungen für weitere Stakeholder wie politische Entscheidungsträger:innen oder europäische Streitkräfte erfahren Sie in der vollständigen neuen Publikation des Deloitte Center for the Long View – ebenso wie viele weitere Details und Insights zu den Treibern und Szenarien sowie zu strategischen Chancen und Risiken.
Laden Sie hier die Analyse „Vier Szenarien für Europas künftige Sicherheitsarchitektur“ herunter für mehr Informationen.