Als Director im Bereich Sustainability unterstützt Marie Unternehmen bei zentralen Zukunftsfragen: von der Wertschöpfungskettenanalyse bis hin zur Integration von Mitarbeitenden und Systemen – immer unter Einbeziehung von KI-gestützten Lösungen. Im Interview erfahrt ihr, welche Transformationen derzeit wirklich stattfinden, wie KI die Nachhaltigkeitsprozesse vorantreiben kann und warum vielfältige Profile in der Beratung heute wichtiger sind denn je.
Hallo Marie! Du beschäftigst dich schon seit vielen Jahren mit Nachhaltigkeit. Wie ist das Interesse an diesem Thema entstanden?
Ursprünglich wollte ich in die Politikberatung – dorthin, wo Entscheidungen getroffen werden und man etwas bewegen kann. Nachhaltigkeit war damals noch kein Studiengang wie heute. Ich habe Politik und Philosophie studiert und bin eher durch Zufall in einer kleinen Beratung gelandet, die eines der ersten Nachhaltigkeitsprojekte für die Bundesregierung durchgeführt hat. Dort ging es darum, anhand von ESG-Kriterien zu messen, wie weit die deutschen Unternehmen schon sind. Das hat mich sofort gepackt: Das Thema war noch recht neu und politisch hoch relevant. Je mehr es Fahrt aufnahm, desto stärker bin ich hineingewachsen. Es war damals spannend und dynamisch und das ist es bis heute geblieben.
Schauen wir in die Gegenwart. Was sind bei der Nachhaltigkeit derzeit die größten Treiber? Mit welchen Anforderungen und Herausforderungen sehen sich Unternehmen aktuell konfrontiert? Und wie unterstützt Deloitte sie dabei?
Unternehmen stehen heute in vielen Bereichen unter Druck – geopolitische Entwicklungen, volatile Märkte oder steigende Kosten wirken sich branchenübergreifend aus und haben auch Auswirkungen auf ihre Nachhaltigkeitsinitiativen. Nachhaltigkeitsmaßnahmen sind oft langfristig angelegt und der Return on Investment liegt häufig in einer Zukunft, die sich nicht exakt berechnen lässt. Viele Unternehmen fragen sich daher: Wie finanzieren wir die nachhaltige Transformation und wie können wir die Ausgaben und den Mehrwert vor dem Management begründen?
Unsere Rolle ist es, Unternehmen Orientierung und Sicherheit zu geben, dass die nachhaltige Transformation sich lohnt. Nachhaltigkeitsabteilungen sind in Unternehmen unterschiedlich verankert – mal in der Strategie, mal in Finance, mal direkt beim CEO. Wir helfen, die richtigen Maßnahmen zu identifizieren und diese adressatengerecht in die Gesamtstrategie einzubetten: von der Dekarbonisierung über zirkuläre Geschäftsmodelle bis hin zu strategischen Entscheidungen in der Lieferkette, die Unternehmen langfristig resilient machen. Wir fungieren dabei fachlich und strategisch als Sparringspartner und helfen bei der Implementierung.
Die Themen Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz verlieren gerade in der öffentlichen Debatte an Sichtbarkeit. Spiegelt sich das auch in der Unternehmenslandschaft wider? Oder ist die Bereitschaft zur Transformation weiterhin vorhanden?
In der öffentlichen Wahrnehmung wird Nachhaltigkeit derzeit häufig kritisch betrachtet – insbesondere wegen der medialen Debatte über regulatorische Vorgaben. Viele Unternehmen kommunizieren leiser, aber das heißt nicht, dass die Transformation stoppt. Deshalb wird aktuell auch von „Greenhushing“ statt „Greenwashing“ gesprochen. Die Arbeit geht also weiter, nur deutlich gezielter und weniger öffentlichkeitsgerichtet. Unternehmen haben sich zum Beispiel lange auf günstige Energiepreise verlassen, doch diese Ausgangslage stellt heute viele von ihnen vor große Herausforderungen und rückt Dekarbonisierung wieder in den Vordergrund. Zudem zeigen die aktuellen geopolitischen Entwicklungen deutlich auf, wie verletzlich Lieferketten sind, wenn Rohstoffabhängigkeiten bestehen – ein gutes Beispiel ist Lithium. Dadurch gewinnt die Kreislaufwirtschaft immer mehr an Gewicht. Die EU betont mehr denn je die Notwendigkeit, Europa zu kritischen Rohstoffen resilienter zu machen – unabhängig von kurzfristigen politischen Diskussionen ist die Agenda klar gesetzt. Folglich richten Unternehmen ihre Strategien aktuell neu aus, prüfen ihre Rohstoffabhängigkeiten und evaluieren die Machbarkeit von zirkulären Geschäftsmodellen. Das passiert nicht von heute auf morgen.
Die Herausforderung liegt dabei im Tempo: Unternehmen müssen gleichzeitig ihr Tagesgeschäft stabilisieren und komplexe langfristige Veränderungen anstoßen. Manche Projekte werden deshalb geparkt, aber nicht gestoppt, bis der richtige Moment gekommen ist und genügend Ressourcen vorhanden sind. Die Bereitschaft zur Transformation ist da – sie zeigt sich nur sachlicher, überlegter und strategischer.
„Die Bereitschaft zur Transformation ist da – sie zeigt sich nur sachlicher, überlegter und strategischer.“
Du hast gerade schon angesprochen, dass Transformationen Zeit brauchen. Hier kann Künstliche Intelligenz sicher hilfreich sein. Wie kann KI Unternehmen helfen, ihre Ziele besser zu erreichen und an welchen Stellen ist es besonders sinnvoll, sie einzusetzen?
KI ist wie eine Workforce aus vielen tausend kleinen Helfern, die parallel arbeiten können. Besonders bei großen Datenmengen oder wiederkehrenden Prozessen hilft sie enorm – und Nachhaltigkeit bedeutet auch meist eine sehr umfangreiche Datenarbeit. In globalen Unternehmen liegen Nachhaltigkeitsdaten überall verstreut, unter anderem in unterschiedlichen Systemen, Gesellschaften und Dokumenten. Ein konkretes Beispiel ist der Nachhaltigkeitsbericht: dieser wird jedes Jahr aktualisiert, meist nie komplett neu geschrieben. Mit KI können Unternehmen alle relevanten Dokumente in eine Plattform geben. Die KI zieht sich die Informationen aus den richtigen Quellen, aktualisiert Zahlen, ergänzt Maßnahmen und bereitet das Grundgerüst des neuen Reports vor. Was früher Wochen dauerte, passiert so in einem Bruchteil der Zeit.
Ein anderes Beispiel: Oft haben Mitarbeitende sehr konkrete Fragen wie „Wie ist unsere Policy zu XY?“. Normalerweise würden sie damit direkt die Nachhaltigkeitsabteilung kontaktieren. Ein interner Chatbot kann diese Anfragen sofort beantworten – inklusive Dokumentenverweisen. Das spart Zeit für alle Beteiligten und macht Wissen im Unternehmen verfügbar, ohne dass jemand als „Bottleneck“ fungiert.
KI hilft auch bei sehr komplexen Szenarien: Sie kann verschiedene Parameter durchspielen und mögliche Entwicklungen simulieren, die nicht statisch sind, sondern sich fortlaufend selbst aktualisieren. Gerade bei Unsicherheiten, die in der Zukunft liegen - wie etwa Rohstoffpreise oder deren Verfügbarkeiten - ist das ein Vorteil. Menschen können dann mithilfe von KI bessere, fundiertere Aussagen treffen und dem Management zur Entscheidung vorlegen.
Im letzten Jahr wurde bei Deloitte die Sustainability AI Taskforce gegründet, die von dir und einer weiteren Kollegin geleitet wird. Warum braucht es diese Task Force und was sind eure Aufgaben dort?
Eins unserer Ziele in Sustainability ist es, KI zum Bestandteil eines jeden Projekts zu machen. Transformation passiert aber nicht von allein – deshalb brauchten wir die Taskforce. Wir arbeiten an zwei Achsen: Bezogen auf den Markt und unsere Kunden schauen wir, wie wir die KI bestmöglich in unser Angebot integrieren. Welche Use Cases funktionieren bereits und bieten einen echten Mehrwert für unsere Kunden auf Ihrer KI-Reise? Und intern sorgen wir dafür, dass unsere eigenen Mitarbeitenden befähigt werden, die KI über das Chatten hinaus zu nutzen. Wir bieten Trainings, Upskilling-Sessions, Tools, Use-Case-Sammlungen – alles, was Kolleg:innen brauchen, um KI im Alltag wirklich anzuwenden. Wir haben unglaublich viele tolle interne Tools und es kommen ständig neue dazu. Hier helfen wir als Taskforce, alle auf dem Laufenden zu halten.
Die Taskforce arbeitet unternehmensweit vernetzt – wir bündeln, was schon vorhanden ist, statt doppelt zu entwickeln. Angebot schafft nicht automatisch Nachfrage, daher führen wir die Fäden zusammen, geben Orientierung und stellen Wissen bereit. Unser Ziel ist klar: KI soll kein Add-on sein, sondern eine selbstverständliche Komponente unserer Arbeit.
Bestimmt haben wir jetzt bei dem einen oder der anderen Leser:in Interesse geweckt. Was sollte man mitbringen, um in der Nachhaltigkeitsberatung einen guten Job machen zu können? Gibt es ein klassisches Profil bei euch in den Teams?
Ein klassisches Profil gibt es nicht. Nachhaltigkeit ist ein unglaublich weites Feld. Wir arbeiten mit Geisteswissenschaftler:innen, Wirtschaftswissenschaftler:innen, Ingenieur:innen und vielen mehr. Wichtiger als ein bestimmter Studiengang ist aber die Haltung: Neugier für neue Themen, Freude an Dynamik, Lust auf Transformation, analytisches Denken, Kommunikationsstärke und Spaß daran, mit Menschen zu arbeiten.
Zum Schluss eine persönliche Frage: Wenn man sich im Job täglich mit Nachhaltigkeitsthemen auseinandersetzt, färbt das aufs Privatleben ab? Schaust du bewusster – vielleicht auch kritischer – hin, z.B. beim Einkaufen oder bei der Urlaubsplanung?
Ja, definitiv. Durch meinen Job bekomme ich tiefe Einblicke in Zukunftsszenarien – von Planetary Boundaries bis hin zu globalen Risiken. Das prägt das eigene Denken. Ich schaue bewusster auf Entscheidungen: Wie reise ich? Was kaufe ich? Welche Ressourcen verbrauche ich? Ich reise viel mit der Bahn, mache Urlaub oft in Europa und kaufe regional und saisonal ein. Dabei habe ich nicht das Gefühl, auf etwas zu verzichten, sondern tue es, weil es sich für mich einfach richtig anfühlt. Wichtig ist: Niemand muss alles perfekt machen. Kleine Schritte wirken – besonders, wenn viele Menschen sie parallel gehen.
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