Das Auto als vernetztes Device: Softwaredefinierte Fahrzeuge liegen im Trend – und das schafft erhebliche Chancen für deutsche OEMs und Zulieferer. Eine neue Studie von Deloitte zeigt, dass der Marktanteil in Deutschland deutlich zunehmen wird. Damit wächst auch die Nachfrage nach digitalen Zusatzfunktionen und integrierten Services. Außerdem könnte die langfristige Fahrzeugattraktivität durch regelmäßige Software-Updates deutlich steigen.
Softwaredefinierte Fahrzeuge (Software Defined Vehicles, SDVs) gewinnen auf den Märkten immer weiter an Fahrt. Diese Entwicklung eröffnet weitreichende – und hoch willkommene – Potenziale für deutsche OEMs und Zulieferer. In Zeiten stagnierender Neuzulassungen, verschärfter Konkurrenz und schrumpfender Gewinne kann die Branche durch SDVs zusätzliche Umsatzquellen erschließen, die Kundenbindung durch digitale Differenzierung stärken und die langfristige Fahrzeugattraktivität erhöhen. Voraussetzung ist, dass die Unternehmen den Schritt vom Produkthersteller zum Anbieter digitaler Software- und Serviceleistungen mit regelmäßigen Erlösen vollziehen.
Zu SDVs zählen alle Automobilplattformen, bei denen zentrale Software wesentliche Fahrzeugfunktionen steuert, gestützt auf einen oder mehrere Hochleistungsrechner an Bord. Häufig werden dabei sämtliche elektrischen und elektronischen Funktionen gebündelt, gegliedert in physische Fahrzeugzonen oder Funktionsbereiche. Fahrzeugfunktionen können bei SDVs über den ganzen Lebenszyklus per Mobilfunk „over the air“ (OTA) aktualisiert oder neu installiert werden. So lassen sich beispielsweise Assistenzsysteme weiterentwickeln oder innovative Anwendungen vermarkten. Bei Elektrofahrzeugen ergeben sich viele zusätzliche Möglichkeiten, etwa zur Optimierung von Ladeprozessen. Attraktiv sind darüber hinaus auch Vertriebskooperationen mit Drittparteien. Diese können integrierte Services anbieten, die weit über Fahrzeugfunktionen hinausgehen (z.B. Versicherer, Paketdienstleister). Die neue Deloitte-Studie zeigt drei besonders wichtige Trends für Deutschland auf: zusätzliches Erlöspotenzial, wachsende Nachfrage nach neuen Funktionen, längere Fahrzeugattraktivität dank OTA-Updates.
Viele SDV-Pioniere stammen aus USA und China. Junge OEMs ohne Legacy-Technologie setzen dort von vornherein auf softwaredefinierte Fahrzeugarchitekturen. Doch inzwischen ziehen auch europäische und deutsche Hersteller nach und führen entsprechende Plattformen ein. Laut der Studie könnte der Anteil von „Software first“-Architekturen unter neuen Plattformen in Deutschland bis 2030 auf 82 Prozent ansteigen (2025: 54%). Die jährliche Produktionszahl steigt von etwa 0,5 Mio. Fahrzeugen (2025) auf 1,9 Mio. Fahrzeuge (2030). Die Absatzchancen für Digitaldienste gehen dabei weit über konventionelle Fahrzeuge hinaus, die typischerweise nur digitale Funktionsfreischaltungen im Infotainment-Bereich sowie bei vereinzelten Assistenzsystemen erlauben. Entscheidende Bedeutung für diese neue Dimension der Monetarisierung hat dabei der wiederkehrende Charakter der Erlöse durch Abonnements o.ä., wodurch sich fortgesetzte Umsatzchancen über den reinen Fahrzeugverkauf hinaus ergeben – und zwar über die gesamte Nutzungsdauer des Fahrzeugs hinweg.
Knapp 90 Prozent der Befragten wären grundsätzlich bereit, für softwaredefinierte Funktionen zu bezahlen. Diese müssen allerdings klaren Mehrwert bieten. Vergleichsweise hohe Nachfrage besteht hierzulande im Bereich Fahrzeugbetrieb und Sicherheit. Für Sicherheit würden 43 Prozent der Befragten einen Aufpreis zahlen, gefolgt von Fahrzeugzustand und Wartung (41%), Fahrassistenz (40%) sowie Leistungs- und Fahroptimierung (27%). Im Bereich Nutzererlebnis und digitale Services ist die Zahlungsbereitschaft weniger ausgeprägt. 23 Prozent würden für Dienste rund um Entertainment und Navigation zahlen, 15 Prozent für Personalisierung und zehn Prozent für integrierte Drittanbieterservices.
Das Budget bleibt begrenzt: Nur 33 Prozent sind bereit, mehr als 25 Euro monatlich zu bezahlen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass das Angebot in Deutschland bislang noch stark begrenzt ist. In China sind aktuell schon 65 Prozent bereit, über 25 Euro monatlich zu bezahlen, was auch am breiteren Angebot liegen dürfte. Zudem ist in China der Bereich Nutzererlebnis und digitale Services beliebter, für den 69 Prozent einen Aufpreis zahlen würden (Deutschland: 37%). Trends aus dem chinesischen Markt können die große Bandbreite an möglichen Anwendungen illustrieren, etwa KI-basierte Klimaanpassung oder Gamification-Elemente.
Zukünftig wird die Zahl der verfügbaren Funktionen von SDVs deutlich steigen. Dabei rücken dann auch Anwendungen und Dienste in den Fokus, die weit über das reine Fahrerlebnis hinausgehen. Zu den integrierten Diensten zählen Paket- und Lebensmittellieferungen zum Fahrzeug, Parkservices oder dynamische Versicherungsprämien auf Basis von Echtzeit-Fahrzeugdaten. Langfristig werden durch das autonome Fahren auch Robotaxi-Funktionen auf Abruf interessant. In Deutschland sind 49 Prozent grundsätzlich an integrierten Services interessiert, in China 79 Prozent.
Einen wichtigen Faktor für die Chancen durch softwarebasierte Funktionen stellt darüber hinaus das langfristige Wachstum der Elektromobilität dar. Grundsätzlich ist die für SDVs nötige stabile Stromversorgung in Elektroautos technisch deutlich einfacher umzusetzen als mit einer Verbrennungsmotor-Plattform. Der SDV-Mehrwert ist zudem bei Elektrofahrzeugen besonders hoch, etwa im Hinblick auf die Optimierung von Reichweite oder Ladekomfort (Thermomanagement beim Laden, Routenplanung usw.). Nicht zuletzt sind Käufer:innen von Elektrofahrzeugen meistens technologieaffiner. Sie würden im Schnitt für 2,3 zusätzliche Funktionen einen Aufpreis bezahlen, Halter:innen von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor dagegen nur für 1,9 zusätzliche Funktionen. Für 2030 projiziert die Studie bei monatlich bepreisten Angeboten ein mögliches Umsatzpotenzial von 3,4 Mrd. Euro in Deutschland (global: 70 Mrd. Euro).
Durch regelmäßige OTA-Updates können SDVs wesentlich einfacher und länger technisch aktuell gehalten werden, was ihre Attraktivität deutlich erhöht („Evergreen Vehicle“). Potenzielle Kundensorgen über ein schnelles Veraltern der verbauten SDV-Technologie sind von daher unbegründet. Entsprechend würden 36 Prozent der Befragten ihr Fahrzeug wahrscheinlich länger behalten, wenn regelmäßige OTA-Updates gewährleistet sind. Software wird im SDV-Zeitalter für den Markenwert immer wichtiger, was die Bedeutung einer starken Update-Strategie noch unterstreicht. Durch abgesicherte Schnittstellen können außerdem Drittparteien definierte Zugriffsrechte auf bestimmte Fahrzeugdaten erhalten, die sie für ihre Angebote nutzen können. Das Auto wird somit zu einer Plattform für OTA-basierte Softwarelösungen in einem offenen SDV-Ökosystem.
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor dafür ist allerdings solider Datenschutz. In Deutschland sind mit 58 Prozent besonders viele Befragte besorgt über die Datennutzung von verbundenen Geräten oder von Kameras im Fahrzeuginnenraum. Eher skeptisch sehen sie auch die Nutzung von biometrischen Sensordaten oder Standortdaten. Sensordaten zum Fahrzeugstatus würden dagegen 48 Prozent unbesorgt teilen. Zur Stärkung des Verbrauchervertrauens empfehlen sich Initiativen auf europäischer Ebene, etwa als Teil eines integrierten SDV-Ökosystems der Europäischen Union. Gestützt auf die starke Industrie-, Automobil- und Sicherheitsexpertise des Kontinents könnte dadurch ein Gegenpol zu den globalen Wettbewerbern USA und China entstehen.
Mehr Einblicke in die rasante Entwicklung von SDVs und deren transformative Auswirkungen? Laden Sie hier unsere SDV Global Manufacturer Readiness Studie 2023 herunter.