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Long COVID und ME/CFS in der Schweiz: Von einer Spätfolge der Pandemie zur strategischen Bewährungsprobe für Krankenversicherer

Long COVID wird zur strukturellen Herausforderung für die Versorgung chronischer Krankheiten, die Arbeitsfähigkeit und die Koordination über Gesundheits- und Sozialversicherungssysteme hinweg. Für Schweizer Krankenversicherer besteht die Aufgabe nicht darin, ein weiteres isoliertes Produkt zu schaffen, sondern vielmehr darin, die Datengrundlagen zu verbessern, klarere Versorgungspfade festzulegen und die Koordination über institutionelle Grenzen hinweg zu stärken.

Long COVID ist nicht mehr nur ein Pandemie-Thema. Die Erkrankung ist eine Bewährungsprobe dafür, wie gut die Schweiz komplexe chronische Erkrankungen bewältigt, die gleichzeitig medizinische Versorgung, Versicherung und Berufstätigkeit betreffen. Zu den Symptomen gehören Müdigkeit, kognitive Beeinträchtigungen, Atemwegserkrankungen und schwankende Leistungsfähigkeit. Menschen mit schwerem oder langanhaltendem Krankheitsverlauf beklagen oft nicht nur ein einzelnes Symptom, sondern insgesamt eine verminderte Funktionsfähigkeit – die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und ihrer Erwerbstätigkeit nachzugehen. 1

Die Schweiz hat bereits reagiert - entsprechende hausärztliche Versorgung, fachärztliche Konsultationen und Rehabilitationsdienste sind verfügbar. Im Juni 2026 fand die vom Bundesamt für Gesundheit organisierte Auftaktveranstaltung zur Entwicklung einer nationalen Strategie zu ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom) und Post-COVID-19-Erkrankungen statt, an der mehr als 50 Expertinnen und Experten aus Patientenorganisationen, Leistungserbringern, Krankenversicherern, Invalidenversicherung, Kantonen und anderen Institutionen teilnahmen. Das System ist vorerst jedoch noch immer in der Entwicklung: Die Daten bleiben fragmentiert, Standards müssen erst noch etabliert werden und die Koordination ist nicht durchgehend ausgereift.2

Für Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen entsteht dadurch eine wichtige, aber bewältigbare Agenda. Long COVID wird sich vermutlich nicht als plötzlicher, klar abgrenzbarer Kostenschock bemerkbar machen, sondern eher als kontinuierliche Belastung durch eine Vielzahl heterogener, längerfristiger und koordinationsintensiver Fälle.

Die strategische Frage ist Funktionsfähigkeit, nicht Müdigkeit

Long COVID ist ein Sammelbegriff für anhaltende Symptome nach einer SARS-CoV-2-Infektion. ME/CFS - Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome - ist eine spezifischere, chronische multisystemische Erkrankung.

Long COVID und ME/CFS sind nicht gleichzusetzen: Nicht alle Menschen mit Long COVID entwickeln ME/CFS. Bei einigen treten jedoch Symptome auf, die mit dem Krankheitsbild von ME/CFS vereinbar sind.

Ein besonders wichtiges Merkmal von ME/CFS ist Post-Exertions-Malaise: eine Verschlimmerung der Symptomatik nach körperlicher, kognitiver oder emotionaler Anstrengung, die unter normalen Umständen bewältigbar gewesen wäre. ME/CFS geht daher weit über allgemeine Müdigkeit hinaus und kann die körperliche und geistige Funktionsfähigkeit erheblich einschränken.3, 4

Für Versicherer ist diese Unterscheidung mehr als nur eine reine Frage der medizinischen Terminologie. Die Leistungsprüfung und Schadenbearbeitung orientieren sich naturgemäss an Diagnose, Behandlungen und Leistungskategorien. Für die menschlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen ist jedoch vor allem entscheidend, wie stark die Funktionsfähigkeit beeinträchtigt ist: Kann eine Person alltägliche Aktivitäten bewältigen? Kann sie zuverlässig arbeiten? Stabilisiert sich ihr Zustand, verbessert er sich oder schwankt er?

Deshalb ist die Kostenbetrachtung allein unvollständig. Case Management und Ergebnismessung müssen auch die langfristige Funktionsfähigkeit, Arbeitsfähigkeit und Stabilisierung berücksichtigen.

Die Schweiz hat reagiert, aber das System nimmt noch Gestalt an

Die verfügbaren Erkenntnisse deuten auf eine bedeutende Gruppe von Betroffenen hin, die aber schwer zu beziffern ist. Nach einem Rechenmodell aus dem Jahr 2025 war im Jahr 2023 mindestens 1% der Schweizer Bevölkerung von den Langzeitfolgen von COVID-19 betroffen. Die Forschenden berichteten jedoch von einer sehr breiten Spanne über die verschiedenen Modellierungsszenarien hinweg. Die Schätzung sollte daher eher als Planungsreferenz und nicht als präzise Registerzählung verstanden werden. 5

Daten des Bundesamts für Sozialversicherungen bieten eine weitere Perspektive: Bis Ende 2023 hatten sich schätzungsweise 2‘900 Personen mit Long COVID bei der Schweizer Invalidenversicherung angemeldet. Das waren 1,8% aller Neuanmeldungen. In neun von zehn dieser Fälle wurden die Personen bei der Anmeldung, als 100 Prozent arbeitsunfähig zertifiziert.6

Diese Zahlen müssen zusammen interpretiert werden. Zwar deuten sie nicht darauf hin, dass Long COVID einen systemweiten Anstieg der Invalidenversicherten verursacht. Sie zeigen jedoch, dass die Schweiz langfristig mit einer Bevölkerungsgruppe betroffener Menschen konfrontiert sein wird – einschliesslich einer kleineren Gruppe schwerer, langwieriger Fälle mit erheblichen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit.

Die Datenerhebung wird auch durch das Fehlen eines obligatorischen Long-COVID-Registers erschwert. Nach Einschätzung des Bundesamts für Gesundheit ist ein solches Register unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht realisierbar, denn die Symptome sind heterogen und fluktuieren, und es besteht aktuell auch keine rechtliche Grundlage dafür. Anstatt auf einen definitiven Datensatz zu warten, müssen Versicherer daher sorgfältig eine eigene Evidenzbasis entwickeln – und deren Grenzen transparent darlegen.2

Für Versicherer bedeutet dies in erster Linie eine Steuerungsaufgabe, keine neue Produktkategorie

Die Versicherungslogik ist relativ eindeutig: Medizinisch notwendige Diagnose und Behandlung fallen primär unter die obligatorische Krankenversicherung. Zusatzversicherungen können gezielt Mehrwert schaffen, indem sie ihre Versicherten bei der Orientierung im Gesundheitssystem unterstützen, den Zugang zu geeigneten Leistungen und Zweitmeinungen ermöglichen und ergänzende Unterstützungsleistungen anbieten. Wichtig: Diese Leistungen sollten einen nachgewiesenen Bedarf adressieren und vermeiden, die Komplexität zu erhöhen oder Erwartungen zu schaffen, die die verfügbare Evidenz nicht stützen kann.

Die grössten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen entstehen jedoch oft dort, wo verschiedene Bereiche ineinandergreifen: medizinische Versorgung und Taggeldversicherung, Behandlung und Invalidenversicherung sowie Genesung und Rückkehr an den Arbeitsplatz. Long COVID lässt sich häufig nicht einem einzelnen Versicherungsprodukt zuordnen, vielmehr betrifft die Krankheit mehrere Bereiche gleichzeitig: medizinische Versorgung, Einkommensabsicherung und die Rückkehr ins Berufsleben.

Verzögerte Übergaben, unklare Verantwortlichkeiten und fragmentierte Kommunikation können die Unsicherheit für alle Beteiligten verlängern. Long COVID passt daher nicht ordentlich in ein Produktsilo. Es ist eine Bewährungsprobe dafür, ob Versicherer medizinische Steuerung, Servicequalität, berufliche Reintegration und Ergebnismessung miteinander verbinden können.

Fünf Prioritäten für Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen

Versicherer sollten ihre Daten systematisch auswerten, um ein möglichst aussagekräftiges Bild von Long COVID und verwandten Post-Virus-Erkrankungen zu gewinnen. Dabei können neben Diagnosedaten auch indirekte Indikatoren wie wiederholte Facharztkonsultationen, Rehabilitationsmassnahmen und länger anhaltende funktionelle Beeinträchtigung herangezogen werden.

Diese Indikatoren können Fachleute bei der Überprüfung unterstützen, ersetzen jedoch nicht die klinische Einschätzung. Ihre Verwendung sollte auch einhergehen mit solider Datenverwaltung, Datenschutz und transparenter Entscheidungsfindung. 

Das Ziel ist nicht, jede betroffene Person in eine spezialisierte Versorgung zu lenken. Vielmehr gilt es, eine klare Logik für Triage und Überweisung zu schaffen, qualifizierte Leistungserbringer und Rehabilitationsnetzwerke zu identifizieren, vermeidbare Doppelungen zu reduzieren und für jeden Pfad aussagekräftige Ergebnisse festzulegen.

Die Schweiz verfügt bereits über ein erfolgreiches System der Weiterleitung und entsprechende spezialisierte Dienstleistungen. Versicherer können Mehrwert schaffen, indem sie den Betroffenen eine konsistente Orientierungshilfe bieten, und indem sie den Beziehungen mit Leistungserbringern Qualitäts- und Ergebniskriterien hinzufügen.2

Medizinische Dienstleister, Taggeldversicherung, Invalidenversicherung sowie der Arbeitgeber werden oft zu verschiedenen Zeitpunkten hinzugezogen und erhalten jeweils unterschiedliche Informationen. Frühere Koordination – innerhalb klarer Zustimmungs-, Vertraulichkeits- und Datenschutzgrenzen – kann helfen, Lücken zu schliessen und eine realistische Planung für die Rückkehr zum Arbeitsplatz zu unterstützen.

Das Ziel sollte nicht sein, die Reintegration um jeden Preis zu beschleunigen. Es sollte sein, einen individuellen, gut fundierten sowie nachhaltigen Weg zu etablieren, der das vielfältige Krankheitsbild der Erkrankung widerspiegelt.

Relevante Ergebnisse umfassen Funktionsfähigkeit, Arbeitsfähigkeit, Stabilisierung und die Vermeidung unnötiger Diagnosekreisläufe oder doppelter Dienstleistungen. Kosten bleiben wichtig, sollten aber nicht das einzige Kriterium sein, um die Leistung zu bewerten.

Ein Pfad, der anfangs teurer erscheint, kann grösseren Mehrwert schaffen, wenn er eine angemessene Behandlung unterstützt, wiederholte Analysen reduziert oder die Aussichten auf nachhaltige Reintegration verbessert. Umgekehrt riskieren zusätzliche Dienstleistungen ohne messbaren Nutzen, die Komplexität zu erhöhen, ohne die Ergebnisse zu verbessern.

Die nationale Strategie bietet Versicherern die Möglichkeit, praktische Erfahrungen aus der Versorgungssteuerung, der Versicherungsmedizin und der Reintegration beizusteuern und dabei ihre Daten einzubringen. Die Teilnahme an Forschung, Pilotprogrammen und geeigneten Datenpartnerschaften kann die Evidenzbasis stärken und zukünftig die Konsistenz der Versorgung verbessern.

Glaubwürdigkeit wird entscheidend sein. Versicherer müssen evidenzbasierte Dienstleistungen priorisieren, Unsicherheit offen kommunizieren und eine klare Unterscheidung zwischen vielversprechender Innovation und unverifizierten Behauptungen bewahren. Die breitere Führungsagenda umfasst daher Fallidentifikation, Leistungserbringernetzwerke, Reintegration, Ergebnismessung und aktive Teilnahme an den neu entstehenden Standards.

Von der Spätfolge der Pandemie zur zukünftigen Leistungsfähigkeit

Die wahrscheinlichste Entwicklung ist keine abrupte Disruption des Markts, sondern vielmehr ein gradueller, aber länger anhaltender Anstieg der strategischen Relevanz. Long COVID wird weiterhin die Fähigkeit des Schweizer Gesundheitssystems auf die Probe stellen, Erkrankungen zu bewältigen, die chronisch, veränderlich und schwer zu standardisieren sind sowie eng mit sozialer und wirtschaftlicher Teilhabe verknüpft sind.

Versicherer, die jetzt Fähigkeiten aufbauen, werden besser vorbereitet sein – nicht nur auf Long COVID, sondern auch auf ME/CFS und eine breitere Gruppe von Post-Virus-Syndromen. Diese Fähigkeiten sind übertragbar: bessere Fallidentifikation, vertrauenswürdige Leistungserbringernetzwerke, koordinierte Reintegration und ergebnisbasierte Steuerung.

Long COVID ist daher mehr als eine Spätfolge der Pandemie: Es ist eine Bewährungsprobe für die zukünftige Bereitschaft. Die Frage ist nicht einfach, ob Versicherer Versorgungsleistungen finanzieren können. Vielmehr geht es darum, ob sie dem System behilflich sein können, Komplexität früher zu erkennen, Unterstützung wirksamer zu koordinieren und Menschen dabei zu helfen, stabile Funktionsfähigkeit wiederzuerlangen.


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