Die Verwaltungsratsarbeit in herausfordernden Zeiten
Roman Stein ist seit dem 14. März 2024 CEO von Swiss Life Schweiz und Mitglied der Konzernleitung der Swiss Life-Gruppe. Zuvor war er ab 2017 Leiter Finanzen & Aktuariat bei Swiss Life und Mitglied der Geschäftsleitung Schweiz und ab August 2023 interimistisch CEO Schweiz. Vor seiner Zeit bei Swiss Life hatte Roman Stein während insgesamt 14 Jahren verschiedene Positionen bei der Zurich Insurance Group inne, darunter die Leitung von Buchhaltungs- und Controlling-Bereichen in der Schweiz und in England. Im Anschluss übernahm er die Gesamtverantwortung für den Konzernbereich Finanzen und damit die finanzielle Führung der CSS Gruppe. Roman Stein verfügt über ein Master-Diplom in Physik der ETH Zürich und einen Executive Master in Controlling des Instituts für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern (IFZ-HSLU). Er ist Vizepräsident des Schweizerischen Versicherungsverbands (SVV) sowie Beirat im Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen (IVW-HSG).
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swissVR Monitor: Unsere Befragung unter Verwaltungsratsmitgliedern zeigt auf, dass die Konjunkturaussichten für 2026 verhalten sind und sich im Vergleich zu 2025 eher eintrüben. Welche hauptsächlichen Gründe sehen Sie für diese Entwicklung?
Roman Stein: Die verhaltenen Konjunkturaussichten für 2026 ergeben sich aus einer Kombination globaler Unsicherheiten, der zyklischen Schwäche der US-Wirtschaft, Vorzieheffekten bei Exporten im Zusammenhang mit US-Zöllen sowie der anhaltenden Stärke des Schweizer Frankens bei sehr tiefen Zinsen. Temporäre Sondereffekte wie die eingeschränkte inländische Stromproduktion wirken zusätzlich bremsend. Positiv sind die Einigung mit den USA und die Erholung der deutschen Binnenkonjunktur. Insgesamt bleibt der Ausblick verhalten. Gerade in so einem Umfeld sind wir als Versicherer natürlich besonders gefordert. Es ist schliesslich unser Geschäftsmodell, Risiken zu übernehmen und selbst in volatilen und unsicheren Zeiten für Planbarkeit und letztendlich Stabilität zu sorgen.
swissVR Monitor: Kritiker bezeichnen den Verwaltungsrat manchmal als «Schönwetter-Gremium». Wie sollte ein Verwaltungsrat in solch herausfordernden Zeiten wie jetzt agieren, um das eigene Unternehmen zukunftssicher zu steuern?
Roman Stein: Ein wirksamer Verwaltungsrat zeigt seine Qualität nicht im Rückenwind, sondern im Gegenwind. Gerade in anspruchsvollen Phasen braucht es ein Gremium, das konsequent nachfragt, Prioritäten schärft und Entscheide beschleunigt. Zukunftssicherung bedeutet strategische Klarheit, ein ausgeprägtes Risikobewusstsein und die Bereitschaft, gerade in unsicheren Zeiten Verantwortung zu übernehmen.
swissVR Monitor: Während im Jahr 2025 Verwaltungsräte die Erarbeitung einer neuen Unternehmensstrategie als das wichtigste Thema in ihrem Gremium sahen, werden laut unserer Befragung 2026 die Effizienzsteigerung und die Optimierung interner Prozesse in den Vordergrund der Gremienarbeit rücken. Auf welche Weise kann der Verwaltungsrat als strategisches Gremium konkret die Effizienz und Prozesse im Unternehmen beeinflussen?
Roman Stein: Der Verwaltungsrat setzt keine Prozesse um, sondern definiert den Rahmen, in dem sie wirksam werden. Durch klare Zielbilder, messbare Prioritäten und konsequente Nachverfolgung beeinflusst er die Effizienz jedoch sehr direkt. Es ist angesichts der breit aufkommenden Unsicherheiten über die möglichen Effekte durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz nicht verwunderlich (und auch richtig), dass sich Verwaltungsräte vermehrt Sorgen über die Effizienz und internen Prozesse im eigenen Unternehmen machen und von den operativen Gremien wissen wollen, welche Schritte sie diesbezüglich unternehmen. Entscheidend ist, dass Effizienz nicht isoliert betrachtet wird, sondern immer im Zusammenhang mit Kundenwert und langfristiger Wettbewerbsfähigkeit.
swissVR Monitor: Welche Massnahmen empfehlen Sie Verwaltungsräten, die die Effizienz und Prozesse im Unternehmen verbessern möchten?
Roman Stein: Zentral ist die Fokussierung auf jene Prozesse mit dem grössten Wertschöpfungshebel. Ebenso wichtig sind klare Verantwortlichkeiten und Entscheidungsrechte sowie der Mut, gewachsene Strukturen kritisch zu hinterfragen. Ergänzend braucht es eine nüchterne Einschätzung, wo Technologie tatsächlich Mehrwert schaffen kann und wo sie lediglich zusätzliche Komplexität erzeugt.
swissVR Monitor: Auf welche weiteren Themen sollten sich Ihrer Meinung nach Verwaltungsräte im Jahr 2026 vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen auf dem Markt fokussieren?
Roman Stein: Neben Effizienz bleiben Resilienz, Talentmanagement und langfristige Wertschöpfung zentrale Themen. Es geht darum, Unternehmen finanziell und operativ robust aufzustellen, in einem anspruchsvollen Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben und in einem Umfeld anhaltender Unsicherheit Orientierung zu geben. Verwaltungsräte sind gefordert, Stabilität zu schaffen und den Blick konsequent nach vorne zu richten. Ich gehe auch davon aus, dass Cybersecurity weiterhin weit oben auf der Liste von den Themen bleibt, für die sich ein strategisches Führungsgremium interessieren sollte.