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Interview mit Frank Desiere

CEO und Verwaltungsratsmitglied

Die Bedeutung von künstlicher Intelligenz bei Cyber-Angriffen

Dr. Frank Desiere

Dr. Frank Desiere ist CEO der CorTec und als Non-Executive Director (Verwaltungsrat) tätig. Diese Doppelrolle prägt seinen Blick auf Governance: Er kennt die operative Führungsverantwortung ebenso wie die Aufsichts- und Kontrollaufgabe des Verwaltungsrats – und damit die Nahtstelle, an der wirksame Unternehmensführung entsteht. Mit WE TALK BOARD, seinem Newsletter und Podcast, wendet er sich an Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräte, Präsidien, Führungskräfte und angehende Board-Mitglieder. Im Mittelpunkt stehen Board-Effektivität, verantwortungsvolle Unternehmensführung und die Weiterbildung von Non-Executive Directors – konsequent aus schweizerischer und europäischer Perspektive. Neben seiner Führungs- und Aufsichtstätigkeit hält Dr. Desiere Keynotes und leitet Executive-Sessions zu Governance-Themen, unter anderem im Rahmen des Deloitte Board Program. Sein Anliegen ist praxisnahe, fundierte Orientierung für alle, die im Verwaltungsrat Verantwortung tragen.

swissVR Monitor: Wie in anderen Anwendungsbereichen wird die künstliche Intelligenz (KI) auch zunehmend für Cyber-Angriffe eingesetzt. Wie hat KI die Qualität und Quantität von Cyber-Angriffen in den letzten Jahren verändert?

Frank Desiere: Ich beschreibe es als eine Verschiebung der Ökonomie des Angriffs. Auf der Mengenseite senkt KI die Grenzkosten eines Angriffs gegen null: Aufklärung, Zielrecherche und die Erstellung überzeugender Inhalte lassen sich automatisieren und beliebig skalieren. Was früher ein spezialisiertes Team erforderte, steht heute auch weniger versierten Akteuren zur Verfügung.

Auf der Qualitätsseite ist der Sprung womöglich gravierender. Der IBM «Cost of a Data Breach Report 2025» beziffert, dass bereits rund 16 Prozent der untersuchten Datenschutzverletzungen KI auf der Angreiferseite involvierten – überwiegend KI-generiertes Phishing und Deepfake-Impersonation. Angriffsnachrichten sind nicht mehr an Sprachfehlern erkennbar, sondern individualisiert und kontextgenau; Deepfakes in Stimme und Video machen den klassischen CEO-Fraud überzeugend.

Für den Verwaltungsrat ist die entscheidende Grösse die verkürzte Zeitachse zwischen bekannt gewordener Schwachstelle und ihrer Ausnutzung. Das verschiebt die Verteidigung von «den Perimeter halten» hin zu «schnell erkennen und eindämmen». Cyber ist damit keine reine IT-Frage mehr, sondern eine Resilienzfrage – und die gehört auf die Traktandenliste des Gremiums.

swissVR Monitor: Wir sind heute beim Übergang vom Zeitalter der Agentic KI zur Multi-Agent-KI. Was bedeutet dieser technologische Fortschritt für die Gefahr von Cyber-Angriffen in der Zukunft?

Frank Desiere: Der Unterschied ist qualitativ, nicht graduell. Generative KI hat den Angreifern bessere Werkzeuge gegeben, den Menschen aber im Steuerungskreis belassen. Agentische KI verschiebt genau diese Grenze: Der Agent plant, handelt, beobachtet und past sich an – weitgehend ohne menschliches Zutun.

Wie real das ist, hat Anthropic im November 2025 offengelegt: die erste dokumentierte, weitgehend KI-orchestrierte Spionagekampagne, nach Einschätzung des Unternehmens durch einen staatsnahen Akteur, bei der die KI rund 80 bis 90 Prozent der operativen Schritte selbst ausführte und Menschen nur an wenigen Entscheidungspunkten eingriffen. Rund 30 Ziele weltweit, ausgeführt in Maschinengeschwindigkeit statt in Handarbeit.

Multi-Agenten-Systeme heben das auf die nächste Stufe: spezialisierte Agenten, die eine Angriffskette arbeitsteilig durchführen und in Echtzeit auf die Abwehr reagieren. Wir bewegen uns auf eine «Maschine-gegen-Maschine»-Dynamik zu, in der rein menschlich getaktete Verteidigung strukturell zu langsam ist.

Die Konsequenz für den Verwaltungsrat: Die Abwehr muss ihrerseits automatisiert werden – und die von uns selbst eingesetzten Agenten, mit ihren Berechtigungen, ihrem Speicher und ihren Werkzeugzugriffen, werden zum eigenständigen Angriffsziel. Das ist die Kehrseite jeder KI-Effizienzinitiative, die das Gremium bewilligt.

swissVR Monitor: Unsere Befragung unter Verwaltungsratsmitgliedern zeigt, dass lediglich eine kleine Minderheit von Unternehmen über eine konkrete Strategie gegen KI-basierte Cyber-Angriffe verfügt. Wie schätzen Sie das Risiko für Firmen ein, die Cyber-Angriffe durch die KI noch nicht speziell berücksichtigen?

Frank Desiere: Erheblich – aber ich präzisiere, wo das Risiko wirklich liegt, denn es sind zwei Lücken. Die erste: Wer KI-gestützte Angriffe nicht berücksichtigt, verteidigt ein neues Bedrohungsmodell mit Instrumenten von gestern. Signaturbasierte Erkennung greift bei adaptiver Schadsoftware ins Leere, und die Angreiferseite hat ihre Methoden bereits industrialisiert.

Die zweite Lücke ist hausgemacht und wird unterschätzt: der ungesteuerte eigene KI-Einsatz. Der IBM-Report 2025 zeigt, dass rund jede fünfte Datenschutzverletzung mit «Schatten-KI» zusammenhing und solche Vorfälle im Schnitt etwa 670 000 US-Dollar teurer waren; 63 Prozent der betroffenen Unternehmen hatten überhaupt keine KI-Governance-Richtlinie. Das Risiko entsteht hier nicht durch einen Angreifer, sondern durch Mitarbeitende, die Kundendaten oder geistiges Eigentum in externe Modelle geben.

Ich warne zugleich vor Aktionismus. Nicht jedes Unternehmen braucht eine separate «KI-Cyber-Strategie» als eigenständiges Dokument. Entscheidend ist die Integration in das bestehende Risikoframework und die Führung von Cyber als Unternehmens-, nicht als IT Thema – orientiert an anerkannten Standards wie NIST CSF 2.0 oder ISO 27001. Gerade KMU sind exponiert: mit knapperen Ressourcen, zunehmend aber auch als Ziel über Lieferketten, etwa im Sog der europäischen NIS2-Regulierung. Wer hier abwartet, riskiert, zum Anschauungsbeispiel des nächsten Vorfalls zu werden.

swissVR Monitor: Welche konkreten Massnahmen sollten Unternehmen ergreifen, um sich gegen KI-basierte Cyber-Angriffe zu schützen?

Frank Desiere: Ich sehe fünf Prioritäten, bewusst in dieser Reihenfolge. Erstens: KI mit KI begegnen. Verhaltens- und anomaliebasierte Erkennung sowie automatisierte Reaktion sind nötig, um überhaupt auf Maschinengeschwindigkeit antworten zu können – laut IBM sparen Organisationen, die KI und Automatisierung breit in der Abwehr einsetzen, im Schnitt rund 1,9 Millionen US-Dollar pro Vorfall und begrenzen Angriffe deutlich schneller.

Zweitens: Zero-Trust mit striktem Identitäts- und Berechtigungsmanagement – ausdrücklich auch für maschinelle Identitäten und KIAgenten, die zunehmend eigene Zugriffsrechte erhalten. Drittens: Phishing-resistente Authentifizierung, etwa Passkeys, kombiniert mit einem verbindlichen Vier-Augen- und Rückrufprinzip bei Zahlungen und Berechtigungsänderungen. Gegen Deepfake-gestützten CEOFraud hilft kein Bauchgefühl, sondern ein Prozess.

Viertens – und oft unterschätzt: der Mensch. Sensibilisierung muss neu kalibriert werden; die Faustregel «auf Tippfehler achten» trägt nicht mehr, wenn Nachrichten sprachlich perfekt sind. Fünftens: Die Grundhygiene bleibt entscheidend – Patch-Management, unveränderliche Backups, Netzsegmentierung und ein regelmässig geübter, nicht nur dokumentierter Incident-Response-Plan.

Zwei Ergänzungen, die auf Geschäftsführungsebene gehören: die Absicherung der Lieferkette und die Governance der eigenen KI-Anwendungen gegen Datenabfluss und Prompt-Injection. Wichtig ist die Reihenfolge – erst das Fundament, dann die Kür. Und der Verwaltungsrat sollte sich zu jedem dieser Punkte den Reifegrad berichten lassen, nicht die blosse Aktivität.

swissVR Monitor: Welche Rolle spielt der Verwaltungsrat, um sicherzustellen, dass ein Unternehmen stets auf dem neusten Stand der technologischen Entwicklung beziehungsweise auf die daraus resultierenden Gefahren wie zum Beispiel KI-basierten Cyber-Angriffen vorbereitet ist?

Frank Desiere: Cyber- und KI-Risiken sind Sache des Verwaltungsrats – rechtlich wie faktisch. Sie berühren die unübertragbare Oberleitung und die Sorgfaltspflicht nach Art. 716a und 717 OR. Die operative Umsetzung lässt sich an Geschäftsleitung oder CISO delegieren, die Aufsicht nicht; bei einer Pflichtverletzung haftet der Verwaltungsrat persönlich nach Art. 754 OR. Eine D&O-Deckung ersetzt diese Sorgfalt nicht, sie setzt sie voraus.

Der Verwaltungsrat muss dabei nicht die tiefste technische Expertise besitzen, aber genug, um die richtigen Fragen zu stellen und die Geschäftsleitung fundiert zu fordern – und er muss sicherstellen, dass die nötige Kompetenz im Gremium oder über Berater vorhanden ist. Konkret heisst das: klare Zuständigkeit in einem Risiko- oder Prüfungsausschuss; regelmässiges, strukturiertes Reporting statt Berichterstattung erst nach dem Vorfall; ein geübter Krisenplan, in dem auch die Rolle des Gremiums geklärt ist; Ressourcen, die dem Risikoappetit entsprechen; und ein wacher Blick auf den regulatorischen Horizont – revidiertes DSG, NIS2-Ausstrahlung, EU AI Act.

Hier liegt die eigentliche Schwachstelle. Erhebungen – auch der swissVR Monitor – deuten darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Verwaltungsräte kein regelmässiges Reporting zu KI-Einsatz und - Risiken erhält. Ohne dieses Reporting ist Aufsicht schlicht nicht möglich.

Mein Grundsatz, als CEO wie als Verwaltungsrat: Unsere Aufgabe ist nicht, Sicherheit selbst zu betreiben, sondern dafür zu sorgen, dass die richtigen Fragen beharrlich gestellt werden und das Unternehmen Cyber als lebendige Resilienz- und nicht als abgeschlossene ITFrage behandelt. Genau solche Governance-Fragen vertiefe ich regelmässig in meinem LinkedIn-Newsletter «WE TALK BOARD».