If we have selected the wrong experience for you, please change it above.
Im Rahmen unserer Publikationsreihe «Alternde Schweiz» untersucht dieser Bericht, wie künstliche Intelligenz (KI) den durch den demografischen Wandel verursachten Druck auf den Arbeitsmarkt beeinflussen könnte. In den kommenden zehn Jahren werden mehr als 900’000 Erwerbstätige – rund jede fünfte Person der heutigen Erwerbsbevölkerung – das Pensionsalter erreichen. KI kann einen Teil des daraus entstehenden Drucks mindern, wird den Arbeitskräftemangel in der Schweiz jedoch nicht beseitigen. Welche Auswirkungen sie hat, hängt von den Aufgaben in den einzelnen Berufen ab, und davon, in welchem Umfang sich diese unterstützen oder automatisieren lassen, und ob Produktivitätsgewinne den Personalbedarf senken oder zusätzliche Nachfrage schaffen.
Der Bericht verbindet Schweizer Daten zu Demografie und Berufen mit internationalen Erkenntnissen zur Nutzung generativer KI und untersucht 279 Berufe. Er stellt den demografischen Ersatzbedarf – gemessen am Anteil der Erwerbstätigen ab 55 Jahren – einem neuen AI Hotness Index gegenüber. Dieser erfasst die heutige Nutzung von KI sowie das Potenzial grosser Sprachmodelle (LLMs), berufliche Aufgaben zu beschleunigen.
Der demografische Wandel erhöht den Druck auf den Schweizer Arbeitsmarkt. In den kommenden zehn Jahren werden mehr als 900’000 Beschäftigte das Pensionsalter erreichen und aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Das entspricht rund 20% der heutigen Erwerbsbevölkerung. Dadurch entsteht ein erheblicher demografischer Ersatzbedarf, der bestehende Arbeitskräfteengpässe in zahlreichen Berufen und Branchen weiter verschärfen könnte.
Dieser demografische Ersatzbedarf wird nicht gleichmässig auf den Arbeitsmarkt verteilt sein. Einige Berufsfelder weisen bereits niedrige Arbeitslosigkeit in Kombination mit starker Nachfrage nach Fachkräften auf. Wenn viele Beschäftigte in diesen Bereichen in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand gehen, könnten die Arbeitskräfteengpässe besonders akut werden. Andere Berufe sind mit höherer Arbeitslosigkeit, geringerer Arbeitskräftenachfrage oder vergleichsweise moderatem Ersatzbedarf konfrontiert. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, wie viele Menschen den Arbeitsmarkt verlassen, sondern auch, welche Berufe und Branchen am stärksten betroffen sein werden.
Produktivitätswachstum durch den Einsatz von Technologie ist seit langem eine der wichtigsten Reaktionen auf Arbeitskräftemangel. Computer, Automatisierung, mobile Technologien und digitale Plattformen haben es Unternehmen ermöglicht, mit weniger Arbeitskraft mehr zu produzieren und gleichzeitig neue Geschäftsmodelle und neue Arbeitsformen zu schaffen. Die Frage ist nun: Könnte künstliche Intelligenz der nächste grosse Produktivitätshebel werden, und wenn ja, könnte sie der Schweiz helfen, einen Teil des demografischen Drucks zu verringern, dem sie ausgesetzt ist?
Auch wenn die KI das Problem nicht vollständig beseitigen kann, wird sie sicherlich dazu beitragen können, den Druck auf den Arbeitsmarkt in Zukunft zu mildern. Ihre Auswirkungen werden sich jedoch nicht gleichmässig auf die gesamte Wirtschaft verteilen.
Um das Potenzial von KI in einer alternden Gesellschaft zu beurteilen, haben wir Schweizer Berufs- und Demografiedaten mit internationalen Erkenntnissen darüber kombiniert, wie generative KI bei beruflichen Aufgaben eingesetzt wird. Zunächst schätzten wir den Ersatzbedarf, indem wir analysierten, wie viele Personen in den einzelnen Berufen in den kommenden zehn Jahren voraussichtlich pensioniert werden. Anschliessend verglichen wir ihn mit unserem neu entwickelten AI Hotness Index, der sowohl die heutige KI-Nutzung als auch das Potenzial von KI erfasst, berufliche Aufgaben zu unterstützen oder zu automatisieren. Zusammen zeigen die beiden Dimensionen, wo KI den Druck auf die Belegschaft mindern könnte, wo ihre unmittelbare Wirkung voraussichtlich begrenzt bleibt und wo sie bestehende Rollen grundlegend verändern könnte.
Unsere Analyse zeigt, dass sich der altersbedingte Ersatzbedarf über Berufe mit sehr unterschiedlichen Kompetenzprofilen und Tätigkeitsfeldern erstreckt. Die höchsten Ersatzquoten finden sich bei akademischen Berufen und im öffentlichen Dienst, im Transport und Handwerk sowie in Pflege- und Dienstleistungsberufen. Richterinnen und Richter weisen beispielsweise den höchsten Ersatzbedarf auf; auch Bus- und Tramfahrer, Werkzeugmacher und Reinigungskräfte rangieren weit oben. Ein erheblicher Ersatzbedarf zeigt sich zudem in Bildung, Gesundheitswesen, Management und Verwaltung. Insgesamt werden in den kommenden zehn Jahren mehr als 900’000 Erwerbstätige pensioniert, was rund 20% der heutigen Erwerbsbevölkerung entspricht. Von den 279 analysierten Berufen weisen 109 im kommenden Jahrzehnt einen über diesem Durchschnitt liegenden Ersatzbedarf auf.
Die KI-Nutzung konzentriert sich demgegenüber deutlich stärker auf Berufe mit digitalen, informationsverarbeitenden und kommunikationsintensiven Aufgaben. Entsprechend dominieren IKT- und softwarebezogene Berufe die Spitze des AI-Hotness-Rankings, gefolgt von sprach- und inhaltsbezogenen Berufen wie Übersetzerinnen und Übersetzern, Autorinnen und Autoren sowie Journalistinnen und Journalisten. Auch administrative und kommunikative Funktionen – darunter Sekretariatsberufe, Büroangestellte und PR-Fachleute – weisen eine hohe KI-Exposition auf. Gemeinsam ist diesen Berufen ein hoher Anteil kognitiver und digitaler Aufgaben, die von heutigen KI-Systemen bereits unterstützt werden können.
Die Analyse aktueller Nutzungsmuster liefert wertvolle Hinweise darauf, wo KI die Arbeit bereits heute beeinflusst. Dazu haben wir einen AI Hotness Index entwickelt, der zwei Dimensionen verbindet:
|
Rang |
|
|---|---|
|
1 |
Anwendungsprogrammierer |
|
2 |
Softwareentwickler |
|
3 |
Web- und Multimediaentwickler |
|
4 |
Übersetzer, Dolmetscher und andere Linguisten |
|
5 |
Autoren und verwandte schriftstellerische Berufe |
|
... |
|
|
275 |
Dachdecker |
|
276 |
Hilfsarbeiter im Tiefbau |
|
277 |
Betonierer, Betonoberflächenfertiger und verwandte Berufe |
|
278 |
Bediener von Verpackungs-, Abfüll- und Etikettiermaschinen |
|
279 |
Reinigungspersonal und Hilfskräfte in Privathaushalten |
Der Ersatzbedarf wird als Anteil der Personen ab 55 Jahren in jedem Beruf berechnet. Er zeigt, wo Pensionierungen im kommenden Jahrzehnt voraussichtlich den grössten Rekrutierungsbedarf auslösen. Gleichzeitig bildet er die heutige Wirtschaftsstruktur ab und ist damit ein statischer Indikator, der künftige Veränderungen nicht berücksichtigt.
|
Rang |
|
Absolute |
Anteil |
|---|---|---|---|
|
1 |
Richter |
824 |
41% |
|
2 |
Geistliche Seelsorger |
2,373 |
40% |
|
3 |
Leitende Bedienstete von Interessenorganisationen |
1,599 |
38% |
|
4 |
Busfahrer und Strassenbahnführer |
6,803 |
35% |
|
5 |
Akademische und vergleichbare Fachkräfte in der traditionellen und komplementären Medizin |
2,677 |
34% |
|
... |
|
|
|
|
275 |
Techniker für Rundfunk und audiovisuelle Medien |
447 |
8% |
|
276 |
Barkeeper |
527 |
6% |
|
277 |
Veterinärmedizinische Fachkräfte und Assistenten |
195 |
5% |
|
278 |
Athleten und Berufssportler |
58 |
3% |
|
279 |
Web- und Multimediaentwickler |
118 |
2% |
Der Vergleich von Ersatzbedarf und AI Hotness Index zeigt, dass KI die Herausforderungen des demografischen Wandels nicht grundlegend lösen wird. Ihre Wirkung wird jedoch je nach Aufgabe und Beruf erheblich variieren.
Unsere Analyse zeigt, dass KI die demografische Herausforderung für den Schweizer Arbeitsmarkt nicht einheitlich lösen wird. In wissensintensiven Berufen kann sie den Ersatzbedarf spürbar abfedern. In Pflege, Handwerk und personenbezogenen Berufen werden Arbeitskräfteengpässe bestehen bleiben. Und in Berufen, die bereits heute mit schwächerer Nachfrage konfrontiert sind, kann KI den Anpassungsbedarf beschleunigen.
Dieses differenzierte Bild betrifft Politik, Unternehmen und Einzelpersonen gleichermassen. Einheitliche Lösungen greifen zu kurz. Stattdessen braucht es gezielte Strategien: Zuwanderung in einigen Sektoren, Aus- und Weiterbildung in anderen sowie Produktivitätsinvestitionen dort, wo sie die grösste Wirkung entfalten. Zugleich sind Erwerbstätige gefordert, lebenslang zu lernen und ihre Kompetenzen an veränderte Berufsprofile anzupassen.
Die Verantwortung für die Bewältigung dieser Veränderungen verteilt sich auf drei Ebenen: Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen und in die Bildung investieren; die Unternehmen müssen in ihre Belegschaft investieren und ihre Geschäftsmodelle anpassen; und der Einzelne muss Verantwortung für seine eigene Entwicklung übernehmen und angesichts des Wandels flexibel bleiben.
KI und demografischer Wandel müssen gemeinsam betrachtet werden. KI kann den Arbeitsmarktdruck einer alternden Belegschaft zwar nicht beseitigen, aber abfedern. Je nach Beruf unterstützt sie knappe Arbeitskräfte, automatisiert bestimmte Aufgaben oder verändert Rollen, während ihr Einfluss andernorts begrenzt bleibt. Unternehmen sollten die Quadrantenlogik mit eigenen Daten zu Rekrutierungsbedingungen, erwarteter Nachfrage, Arbeitskräftestruktur und Prozessen verbinden.
Wir schlagen einen Ansatz auf drei Ebenen vor:
Analysieren und priorisieren
Arbeitskräfte / Aufgaben / Szenarien
Einen differenzierten Handlungsansatz anwenden
Vier Ausgangspositionen bei den Arbeitskräften
Übergreifende Voraussetzungen schaffen
Digitalisierung / Talente / Governance