Der deutsche Mittelstand begegnet den anhaltenden wirtschaftlichen Herausforderungen vor allem mit Kostendisziplin. Im Interview erläutert Dr. Christine Wolter, Lead Deloitte Private, welche Entwicklungen den deutschen Mittelstand derzeit besonders beschäftigen und wie sich seine Wettbewerbs- und Investitionskraft gezielt stärken lässt. Für den aktuellen CFO Survey hat Deloitte Finanzverantwortliche von Unternehmen in Deutschland befragt, darunter 120 mittelständische Unternehmen.
Key Takeaways
Der CFO Survey gibt Einblick in die Stimmung von 120 mittelständischen Finanzverantwortlichen. Welche Entwicklungen treiben sie aktuell besonders um?
Dr. Christine Wolter: Die Finanzverantwortlichen im Mittelstand blicken derzeit vor allem auf drei Belastungsfaktoren: die schwache Inlandsnachfrage, geopolitische Unsicherheiten sowie steigende Rohstoff- und Energiekosten. Das schlägt sich deutlich in den Geschäftserwartungen nieder: 45 Prozent der Befragten schätzen ihre Aussichten heute schlechter ein als noch vor drei Monaten. Gleichzeitig bleiben zentrale Index-Kennzahlen unter Druck: Die Investitionserwartungen liegen bei -3 Prozent, die Beschäftigungspläne bei -17 Prozent. Für viele Mittelständler geht es deshalb aktuell weniger um offensive Expansion als um Stabilisierung, Resilienz und finanzielle Handlungsfähigkeit. Entsprechend priorisieren 72 Prozent der befragten CFOs Kostensenkungen für die kommenden zwölf Monate. Dahinter folgen organisches Wachstum mit 59 Prozent und die Erhöhung des operativen Cashflows mit 48 Prozent. Das zeigt: Der Mittelstand reagiert pragmatisch auf die Unsicherheit, versucht aber zugleich, seine Wettbewerbsfähigkeit nicht aus dem Blick zu verlieren.
Wie lässt sich die Wettbewerbs- und Investitionskraft des Mittelstands gezielt stärken?
Dr. Christine Wolter: Zunächst braucht es mehr Verlässlichkeit – wirtschaftlich, regulatorisch und politisch. Mittelständische Unternehmen sind sehr anpassungsfähig, aber sie brauchen Planungssicherheit, um Investitionen in Transformation, Digitalisierung, neue Märkte oder Innovationen tatsächlich anzugehen. Gerade Bürokratie, lange Genehmigungsverfahren und unklare regulatorische Anforderungen binden Ressourcen, die an anderer Stelle für Wachstum, Agilität und Modernisierung fehlen. Gleichzeitig zeigt der Survey eine strategische Spannung: Auf Unternehmensseite dominieren Kostensenkung und Effizienzsteigerung, während Kunden zunehmend resiliente Bereitstellung, Qualität und Lieferfähigkeit erwarten. 54 Prozent der befragten Mittelständler nennen eine zuverlässige und resiliente Bereitstellung als zentrale Kundenanforderung, 50 Prozent möglichst niedrige Preise und 45 Prozent qualitativ hochwertige Produkte.
Genau hier liegt eine Chance für den Mittelstand. Wer seine strukturellen Stärken, wie Kundennähe, Flexibilität, langfristige Beziehungen und pragmatische Umsetzungskraft, mit Resilienz verbindet, kann sich stärker über Verlässlichkeit und Qualität differenzieren, nicht nur über den Preis. Dafür braucht es gezielte Investitionen: in robuste Lieferketten, digitale Prozesse, Daten- und IT-Souveränität sowie in neue Service- und Geschäftsmodelle. Entscheidend ist, Ressourcen klar zu priorisieren und Transformation nicht als Zusatzprojekt, sondern als Voraussetzung künftiger Wettbewerbsfähigkeit zu verstehen.
In dem Survey wurde auch der Status quo der KI-Transformation der Unternehmen abgefragt. Wie ausgeprägt ist der Einsatz von KI im deutschen Mittelstand?
Dr. Christine Wolter: KI ist im deutschen Mittelstand angekommen, ihr volles Potenzial ist aber noch nicht ausgeschöpft. Viele Unternehmen haben die reine Experimentierphase verlassen und setzen KI bereits gezielter ein – etwa in der Finanzfunktion, im Backoffice, im Wissensmanagement, bei Planung und Forecasting oder in vertriebsnahen Prozessen. Laut Survey planen 45 Prozent der mittelständischen Unternehmen, ihre KI-Anwendungen in der Finanzfunktion in den kommenden 24 Monaten zu skalieren. Rund 40 Prozent verfolgen bereits strategische, funktionsübergreifende KI-Initiativen. Gleichzeitig bleibt die Skalierung vorsichtiger als bei Großunternehmen. Die größten Hürden liegen weniger in der Technologie selbst, sondern in den Voraussetzungen: 87 Prozent der befragten Mittelständler nennen Datenqualität und ERP-Integration als zentrale Herausforderungen für den KI-Einsatz in der Finanzfunktion. Hinzu kommt, dass isolierte KI-Anwendungen aus Sicht vieler CFOs nur begrenzt nachhaltigen ROI liefern – lediglich 26 Prozent sehen bei isolierten Anwendungen in der Finanzfunktion einen nachhaltigen Return on Investment.
Der nächste Entwicklungsschritt besteht deshalb darin, KI stärker in End-to-End-Prozesse und zentrale Geschäftsabläufe zu integrieren. Kurzfristig entstehen messbare Effekte vor allem durch Effizienzsteigerungen, bessere Planung, schnellere Analysen und eine Entlastung administrativer Tätigkeiten. Langfristig wird KI aber vor allem dann wertstiftend, wenn sie mit klarer Governance, guter Datenbasis und einem unternehmensweiten Transformationsansatz verbunden wird. Dann kann sie nicht nur Kosten senken, sondern auch helfen, Entscheidungen zu verbessern, Risiken früher zu erkennen und die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands nachhaltig zu stärken.