Carbon Capture, Utilization & Storage (CCUS) gewinnt in Kombination mit Erneuerbaren Energien und Kreislaufwirtschaft zunehmend an Bedeutung als strategischer Baustein für die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherung des Industriestandorts Deutschland.
Für Unternehmen bietet dieser Ansatz ein großes Potenzial, durch frühzeitige Investitionen eine Technologieführerschaft in dem entstehenden CCUS-Markt aufzubauen. Denn eine aktuelle Deloitte-Berechnung zeigt: in Deutschland könnte sich bis zum Jahr 2045 allein für die Abscheidung, den Transport und die Speicherung von CO2 ein jährliches Marktpotenzial von mehr als 6 Mrd. Euro ergeben.
Der Aufbau einer CCUS-Wirtschaft in Deutschland tritt nun in eine entscheidende Phase. Denn erstmals sind im neuen Gebotsverfahren des Förderprogramms der CO2-Differenzverträge (CCfDs), veröffentlicht im Mai 2026, Vorhaben im Bereich CCUS zugelassen.
Zudem existiert mit dem im November 2025 novellierten Kohlendioxid-Speicherung-und-Transport-Gesetz (KSpTG) auch in Deutschland ein rechtlicher Rahmen, womit sich erstmals planbare Investitionsperspektiven für den Bau von Abscheideanlagen und der notwendigen CCUS-Infrastruktur in Deutschland bieten.
Während in Ländern wie dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden und Dänemark der Ausbau von CO2-Abscheideanlagen und der entsprechenden Infrastruktur bereits weiter fortgeschritten ist, besteht für Deutschland ein erheblicher Aufholbedarf. Für den Industriestandort Deutschland wird es zunehmend wichtiger, den Hochlauf von CCUS zügig voranzutreiben, um Wertschöpfung, Arbeitsplätze, Technologieführerschaft und industrielle Kernkompetenzen langfristig zu sichern.
Gleichzeitig gilt CCUS als notwendiger Bestandteil der Transformationspfade und zur Erreichung des Klimaneutralitätsziels bis 2045. In Sektoren wie Zement, Kalk und Chemie verbleiben prozessbedingte Emissionen, die selbst durch Elektrifizierung und erneuerbare Energien nicht vollständig bzw. nur sehr kostenintensiv vermeidbar sind.1
Klimaneutralität erfordert daher ein Zusammenspiel verschiedener Vorgehensweisen: Während Effizienzmaßnahmen und erneuerbare Energien die Basis der Emissionsminderungen bilden, übernimmt CCUS eine Schlüsselrolle bei der Abscheidung unvermeidbarer Restemissionen. Am Beispiel der Zementindustrie zeigt sich, dass über 50 Prozent der verbleibenden Reduktionen bis 2050 durch CCUS erfolgen müssen.2
Bis zum Jahr 2045 müssen in Deutschland kommerzielle CO2-Abscheidungsanlagen in Betrieb sein, um Klimaneutralität zu erreichen. Dem gegenüber stehen bislang nur vereinzelte Pilot-Abscheideanlagen sowie unzureichende Planungen und Finanzierungsmöglichkeiten für den Aufbau der notwendigen Transport‑ und Speicherinfrastruktur. Dies führt zu einer deutlichen Infrastrukturlücke, die den industriellen CCUS‑Hochlauf erheblich bremsen kann.
Welcher Umfang an CO2-Abscheidung und dauerhafter Speicherung ist notwendig, damit die Industrie klimaneutral werden kann? Die zukünftigen Abscheidebedarfe variieren je nach Szenario deutlich und bewegen sich 2045 zwischen 45 und 91 Mio. t CO23, was ca. 7 bis 14 Prozent der heutigen Emissionen entspricht (vgl. Abb. 1).4 Die Bandbreite der Schätzungen resultiert aus Unsicherheiten über den technologischen Fortschritt der Industrie, die künftige Rolle von Elektrifizierung und Wasserstoff sowie das Ausmaß möglicher Materialsubstitutionen und Prozessumstellungen.
Eine aktuelle Analyse der Internationalen Energieagentur zeigt deutlich, dass die bislang geplanten Abscheidekapazitäten in Deutschland – einschließlich Projekte mit Final Investment Decision sowie angekündigte Pilot‑ und Demonstrationsanlagen – nicht ausreichen. Bis 2035 sind lediglich Abscheidekapazitäten von rund 9 Mio. t CO2 pro Jahr vorgesehen (vgl. Abb. 2), was zu einer erheblichen CCUS‑Ausbaulücke von ca. 6 Mio. t CO2 pro Jahr führt.
Zur Abscheidung wird CO2 direkt an industriellen Punktquellen aus den Abgasströmen abgeschieden und anschließend gereinigt und verdichtet, um den Transport und die Nutzung oder Speicherung zu ermöglichen (siehe Box). Die dafür erforderlichen Abscheideanlagen können sowohl durch die Nachrüstung bestehender Industrieprozesse als auch durch den Neubau integrierter Anlagen realisiert werden.
Die Bundesregierung hat mit der Novelle des Kohlendioxid-Speicherung-und-Transport-Gesetz (KSpTG) (siehe Box) im November 2025 den regulatorischen Rahmen für den Aufbau eines CO2‑Transportnetzes geöffnet, eine konkrete Infrastrukturplanung und -finanzierung existiert bislang jedoch nicht. Für den Aufbau der Infrastruktur – einschließlich eines nationalen CO2-Pipeline-Netzes – sind inden nächsten 20 Jahren Investitionen in Höhe von 6,5 bis 14 Mrd. Euro notwendig.7,8 Diese Summe hängt maßgeblich vomangestrebten Netzdesign (z.B. Backbone‑Korridorevs. regionale Clusteranschlüsse) ab. Bis die deutschen Pipelines betriebsbereit sind, muss der CO2‑Transport jedoch zunächst über intermodale Transportwege (z.B. per Schiff, Bahn oder Lkw) erfolgen.
Auf der Speicherseite stehen Deutschland und Europa vor ähnlichen Herausforderungen. Europäische Projekte wie Northern Lights (> 5 Mio. t CO2/Jahr ab 2028)9 bieten erste Speicherkapazitäten, die jedoch im Verhältnis zum europäischen und auch deutschen Bedarf sehr begrenzt sind. Deutschland verfügt bislang über kein CO2-Exportterminal und konkrete Kapazitätsplanungen für mögliche Speicherorte fehlen. Offshore‑Speicherung in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone sowie die Onshore‑Speicherung (bei einem Opt-in durch das jeweilige Bundesland) sind seit dem Inkrafttreten des KSpTG möglich – das Speicherpotenzial ist jedoch begrenzt (siehe Box).
Ausgehend von den projektierten Abscheidemengen für das Jahr 2045 sowie typischen Kostenannahmen könnte sich gemäß Deloitte-Analyse je nach Ausbaustufe ein jährliches Marktvolumen von über 6 Mrd. Euro für Abscheidung, Transport und Speicherung in Deutschland ergeben.
Diese Analyse basiert auf mittleren Kostenannahmen. Dabei werden CO2‑Abscheidekostenvon 100€/t sowie Offshore-Speicherkosten von 30€/t zugrunde gelegt. Für den Transport werden durchschnittliche Transportdistanzen von 500 km für den Onshore-Transport und 1.000 km für den Offshore-Transport angenommen. Zudem wird davon ausgegangen, dass im Jahr 2045 80 Prozent des CO2-Transportes über Pipelines (onshore und offshore) erfolgen, während die verbleibenden 20 Prozent über Bahn (onshore) und Schiff (offshore) durchgeführt werden. Grundlage der Berechnung ist eine jährliche Abscheidemenge von 45 Mio. t CO2.13
Die Wirtschaftlichkeit von CCS wird maßgeblich durch dessen Kosten bestimmt: In Europa liegen die Abscheidekosten in energieintensiven Industrien – abhängig vom jeweiligen Industriesektor, von der Konzentration und Reinheit des Kohlendioxids im Abgas und der gewählten Abscheidetechnologie –typischerweise bei etwa 50–150 €/t CO2.14 Die Kosten für den Transport variieren stark (ca. 15–125 €/t CO215) und hängen insbesondere von der Distanz, der Transportart, der Auslastung sowie der bereits existierenden Infrastruktur ab. Die aktuellen Kosten der Speicherung (ca. 10–50 €/t CO216) werden u.a. durch die geologischen Eigenschaften des Speicherstandorts, dessen Erschließungsgrad, die Lagerkapazität und Auslastung der Speicherinfrastruktur sowie die regulatorischen Anforderungen beeinflusst. Dadurch ergeben sich Gesamtkosten im Bereich von rund 75 bis über 300 €/t CO2. Die Abscheidung stellt dabei mit 60 bis 70 Prozent den größten Kostenblock dar. Langfristig sind Kostensenkungspotenziale durch Skaleneffekte, technologische Lernkurven und den Aufbau gemeinsamer Infrastruktur zu erwarten, welche die Wirtschaftlichkeit von CCUS sukzessive verbessern können.
Die Niederlande, Dänemark, Norwegen und das Vereinigte Königreich zählen zu den europäischen Vorreitern bei der Implementierung von CCUS und dem Aufbau der dafür notwendigen CO2‑Transport‑ und-Speicherinfrastruktur (vgl. Abb. 3). Aufbauend auf diesen Vorreitermärkten zeigen sich mehrere übergreifende Best Practices für den erfolgreichen Hochlauf von CCUS-Technologien und die dafür notwendige Infrastruktur. Zentrale Voraussetzung ist die frühzeitige Schaffung geeigneter Erlös‑ und Fördermechanismen, wie etwa regulierte Renditemodelle für Transport‑ und Speicherinfrastruktur (UK) oder staatlich abgesicherte Investitionsprogramme (Norwegen), um hohe Anfangsrisiken zu adressieren.
Ergänzend hat sich eine starke staatliche Rolle bei der Planung, Koordinierung und teilweise beim Eigentum an Infrastruktur (Niederlande, Norwegen) als wirksam erwiesen, da sie eine Fragmentierung vermeidet und Skalierung erleichtert.
Zudem zeigt der geografische Cluster‑Ansatz (UK), der industrielle Abscheider, Transportlösungen und Speicher verknüpft, wie sich Effizienzgewinne durch Nachfragebündelung realisieren lassen. Schließlich sind die systematische Öffnung und EU‑weite Integration der Infrastruktur entscheidend, um nationale Märkte zu verbinden, Kapazitäten auszulasten und CCUS als europäisches Gesamtsystem wirtschaftlich tragfähig zu machen.
Der Hochlauf von CCUS in Deutschland eröffnet erhebliche Potenziale entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette: Industrieanwendungen in Zement, Kalk, Chemie, Stahl und der Abfallwirtschaft gelten als besonders geeignet und zeigen bereits konkrete Projektvorbereitungen. Davon profitieren nicht nur die Anwenderindustrien selbst, sondern auch Technologieanbieter, für die steigende Investitionen in Abscheidetechnologien, Transportkomponenten und Speicherinfrastruktur neue Wachstumsmärkte schaffen. Durch eine gezielte industriepolitische Flankierung könnten deutsche Hersteller von modernen Abscheidetechnologien, wie Aminwäsche oder Oxyfuel-Verfahren, internationale Technologieführerschaft erlangen. Gleichzeitig können Hafenstandorte wie Wilhelmshaven oder Rostock sich zu strategischen CO2-Knotenpunkten entwickeln.
Darüber hinaus wird der entstehende CCUS‑Markt auch für weitere Akteursgruppen zunehmend attraktiv: Infrastruktur‑und Netzbetreiber können ihre bestehenden Kompetenzen im Betrieb von Gas‑ und Energienetzen auf CO2‑Transportinfrastrukturen übertragen und so neue Geschäftsmodelle erschließen. Logistik‑ und Schifffahrtsunternehmen gewinnen insbesondere in der CCUS-Hochlaufphase an Bedeutung, da der CO2‑Transport bis zur Fertigstellung nationaler Pipeline‑Netze zunächst über intermodale Lösungen erfolgen muss. Auch Finanz‑ und Kapitalgeber wie Infrastrukturfonds, Versicherungen oder Förderbanken rücken verstärkt in den Fokus, da CCUS langfristige, kapitalintensive Investitionen mit potenziell stabilen Erträgen ermöglicht. Ergänzend entstehen neue Marktchancen für Ingenieurs‑, Bau‑ und Geotechnikdienstleister, etwa im Bereich Anlagenbau, CO2‑Monitoring und Zertifizierung.
Für die Realisierung dieses industrie‑ und klimapolitischen Zukunftszenarios bestehen jedoch erhebliche Handlungsbedarfe. Dazu zählen insbesondere die koordinierte Planung und Finanzierung einer überregionalen Transport‑ und Speicherinfrastruktur, die Erhöhung der Investitionssicherheit für Industrieunternehmen sowie eine gezielte Förderung regionaler CO2‑Cluster. Während die Novelle des KSpTG ein entscheidender Schritt war, sind weitere Maßnahmen erforderlich, insbesondere der Abschluss bilateraler Abkommen mit Ländern wie Norwegen, Dänemark oder den Niederlanden sowie die Verabschiedung einer umfassenden Carbon Management-Strategie, die bislang nur in Eckpunkten vorliegt.17
Dr. Moritz Kilger, Senior Manager | Deloitte Sustainability & Climate
Pia Sander, Managerin | Deloitte Sustainability & Climate
Clara Penelope Feypel, Consultant | Deloitte Sustainability & Climate
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