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„Jeder gibt ein bisschen – und alle bekommen sehr viel.“

Bei Deloitte arbeiten weltweit mehr als 470.000 Menschen. Wie finde ich da den oder die Kolleg:in mit dem Spezialwissen, das ich gerade jetzt für mein Projekt brauche? Und wie kann ich gewonnene Erkenntnisse aus meinen Projekten anderen zur Verfügung stellen? Astrid leitet bei Deloitte das Knowledge Management und hat nicht nur Antworten auf diese Fragen. Im Interview erfahrt ihr, warum Wissen in der Prüfungs- und Beratungsbranche existenziell ist.

Hallo, ich bin Astrid und sorge mit meinem Team dafür, dass vorhandenes Wissen nicht verloren geht, sondern im Unternehmen strukturiert und gezielt zur Verfügung steht. Wie wir dabei vorgehen, welche Tools wir nutzen und was dabei besonders wichtig ist, lest ihr hier im Beitrag. 

Astrid, du leitest bei Deloitte ein Team, das sich täglich mit Wissen beschäftigt. Wie sah dein Weg hierher aus – und was begeistert dich an deiner Rolle? 
Ich habe vor rund 30 Jahren - nach meinem Studium des Maschinenbaus und der Volkswirtschaftslehre - meine Karriere in einer internationalen Unternehmensberatung gestartet, ganz klassisch als Beraterin im Public Sector. Dort war ich viel beim Kunden vor Ort, oft mehrere Tage pro Woche. Mit der Zeit und auch nach Gründung meiner Familie hat sich mein Fokus verändert. Ich bin in die Enabling Services gewechselt und habe dort angefangen, Knowledge Management mit aufzubauen, unter anderem an der Schnittstelle zu Research, Business Development und Kommunikation. Dabei habe ich schnell gemerkt, welchen enormen Hebel dieser Bereich hat: Kolleg:innen investieren einmal Zeit ins Teilen von Wissen und bekommen ein Vielfaches zurück, weil sie vom Wissen anderer profitieren. 

2021 bin ich dann zu Deloitte gewechselt. Hier liegt mein Fokus komplett auf dem Knowledge Management. Besonders begeistert mich die Wirkung: Durch das Teilen von Wissen entstehen Zusammenarbeit, Innovation und ein echter Mehrwert.  

Warum ist Knowledge Management gerade in einer Prüfungs- und Beratungsgesellschaft wie Deloitte so entscheidend? 
Weil Wissen unser zentrales Kapital ist. In anderen Branchen werden z.B. Maschinen oder Anlagen gepflegt – bei uns ist das Wissen unser wichtigstes Asset. Unsere Kunden arbeiten mit uns zusammen, weil wir Erfahrung, Expertise und die Fähigkeit mitbringen, Erkenntnisse auf verschiedene Branchen zu übertragen. Deshalb ist es entscheidend, dass dieses Wissen verfügbar ist - und zwar genau dann, wenn es gebraucht wird. Berater:innen sollen nicht jedes Mal bei null anfangen müssen, sondern auf Bestehendem aufbauen können. Das sorgt dafür, dass sie effizienter arbeiten, konsistente Ergebnisse liefern und sich stärker auf die individuellen Fragestellungen ihrer Kunden konzentrieren können.  

Wie erleben Berater:innen – insbesondere Einsteiger:innen – euren Beitrag ganz konkret im Alltag? 
Gerade für Berufseinsteiger:innen ist der Zugang zu Wissen ein echter Gamechanger. Bei neuen Themen im Kundeneinsatz hilft unsere interne Vernetzung: Über Datenbanken identifizieren wir sehr schnell die relevante Expertise innerhalb von Deloitte und bringen sie gezielt in Kundenprojekte ein. Häufig gibt es zusätzlich bereits Studien oder Publikationen, die man direkt nutzen kann.

Ein anderes typisches Szenario ist das Schreiben eines Angebots. Hier geht es darum nachzuweisen, dass man ähnliche Projekte bereits erfolgreich umgesetzt hat. Über die Referenzdatenbank lassen sich passende Projekte finden – inklusive der Teams dahinter. Das hilft nicht nur beim Aufsetzen des Dokuments, sondern auch dabei, sich mit den richtigen Kolleg:innen zu vernetzen und deren Erfahrung einzubeziehen.

“Kolleg:innen investieren einmal Zeit ins Teilen von Wissen und bekommen ein Vielfaches zurück, weil sie vom Wissen anderer profitieren.“ 

Beratungsprojekte sind oft schnelllebig. Wie stellt ihr sicher, dass Wissen nach dem Ende eines Projekts nicht verloren geht? 
Das ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen in unserer Branche. Projekte enden, Teams gehen auseinander und gleichzeitig startet oft schon das nächste Thema. Deshalb setzen wir sehr früh an. In vielen Bereichen werden Referenzen bereits zu Beginn eines Projekts angelegt. So ist das Wissen früh im System, gerade auch bei neuen oder noch wenig verbreiteten Themen. Während der Projektlaufzeit werden Inhalte dann kontinuierlich ergänzt und weiterentwickelt. 

Ein wichtiger Bestandteil ist außerdem unser Cleansing-Prozess. Dabei werden alle Inhalte so aufbereitet, dass sie später als strukturierte und inhaltlich saubere Wissensbasis genutzt werden können. Sensible Kundendaten werden entfernt, Inhalte anonymisiert und alles wird nach klaren Vorgaben geprüft, damit wir jederzeit compliant sind. So stellen wir sicher, dass wertvolles Wissen langfristig nutzbar bleibt.  

Welche Formate oder Tools helfen euch dabei, Wissen verfügbar zu machen? 
Wir arbeiten mit verschiedenen Wissensdatenbanken, die unterschiedliche Perspektiven abdecken. Es gibt beispielsweise Profile zu Mitarbeitenden, Referenzdatenbanken für Projekte sowie übergreifende Sammlungen von Angeboten, Methoden und Publikationen. 

Gleichzeitig wissen wir, dass es nicht allein ausreicht, Tools zur Verfügung zu stellen. Deshalb setzen wir stark auf Formate, die Wissen aktiv in die Organisation tragen. Dazu gehören unter anderem kurze Formate wie unsere sogenannten Knowledge Cafés, in denen Studien vorgestellt werden, oder auch unser interner Podcast „Insights to Go“. Ergänzt wird das durch verschiedene Kommunikationskanäle wie das Intranet oder digitale Screens in unseren Bürogebäuden.  

Welche Rolle spielen digitale Tools und KI heute bereits im Knowledge Management? Und welche Fähigkeiten werden für junge Talente künftig besonders wichtig, um mit Wissen sinnvoll zu arbeiten?  
Die Rolle von KI wächst deutlich. Sie hilft uns zum Beispiel dabei, Inhalte schneller zu finden, große Mengen an Wissen zu strukturieren oder bestehende Dokumente zusammenzufassen. Zudem können auf Basis vorhandener Inhalte erste Entwürfe für neue Dokumente erstellt werden, auf denen man dann weiter aufbauen kann. Das sorgt für mehr Geschwindigkeit und oft auch für eine bessere Ausgangsqualität. Gleichzeitig bleibt es aber entscheidend, die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass alles automatisch richtig ist, sondern immer prüfen, ob Inhalte plausibel sind und unseren Anforderungen entsprechen. 

Der Umgang mit Wissen verändert sich also stark und damit auch die Anforderungen an Berufseinsteiger:innen. Wichtig ist vor allem die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und nicht ungeprüft zu übernehmen. Gleichzeitig wird es immer relevanter, mit neuen Tools sinnvoll arbeiten zu können. Je besser beispielsweise ein Prompt geschrieben ist, desto genauer ist das Ergebnis. 

Hinzu kommt eine grundsätzliche Offenheit gegenüber Technologie und die Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Und nicht zuletzt spielt vernetztes Denken eine große Rolle. Es geht immer weniger darum, alles selbst zu wissen, sondern vielmehr darum, Wissen sinnvoll zu kombinieren und zugänglich zu machen.  

Eine persönliche Frage zum Schluss: Wenn du heute auf den Anfang deiner eigenen Karriere zurückblickst: Was hättest du gern früher gewusst? 
Ich glaube, mir war früher nicht so klar, dass es im Berufsleben gar nicht unbedingt darum geht, selbst alles zu wissen. Viel entscheidender ist die Fähigkeit herauszufinden, wo Wissen vorhanden ist, sich mit den richtigen Menschen zu vernetzen und Informationen im richtigen Moment einzusetzen. Es geht also weniger darum, isoliert zu arbeiten, sondern vielmehr darum, Zusammenhänge herzustellen und dann für die getroffenen Entscheidungen die Verantwortung zu übernehmen.