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Abflauende Konjunktur, neue Möglichkeiten: die Branche in den 60er- und 70er-Jahren

Die robuste Konjunktur der 50er-Jahre hatte bei den Vorläufergesellschaften von Deloitte für ein stabiles und kontinuierliches Wachstum gesorgt. Zur Mitte der 60er-Jahre machten sich jedoch erste Konjunkturschwankungen bemerkbar. Die Politik reagierte mit verstärkter planerischer Aktivität, zudem wurde zunehmend in grenzüberschreitenden, d.h. europäischen Dimensionen gedacht. Analog entwickelte sich auch die Branche der Wirtschaftsprüfer. Insgesamt drei Faktoren bestimmten hier hauptsächlich die 60er-Jahre: die fortschreitende Internationalisierung, eine Schwerpunktverlagerung hin zur zukunftsgerichteten Unternehmensführung sowie der beginnende Siegeszug der elektronischen Datenverarbeitung

Internationalisierung: deutsche oder amerikanische Prüfungspraxis? 
So wie sich die Außenpolitik Ludwig Erhards um eine engere Anbindung an die USA bemühte, richtete sich auch die Aufmerksamkeit der deutschen Wirtschaftsprüfer seit den frühen 60er-Jahren verstärkt auf die USA. Die dortige Prüfungspraxis wurde zunehmend für Deutschland relevant. Dabei unterschieden sich deutsche und amerikanische Praktiken erheblich: Während die Deutschen einen systematischen Ansatz favorisierten, war die amerikanische Praxis individueller und auch pragmatischer ausgerichtet. Zwar existierte in Gestalt der „Generally Accepted Accounting Principles“ (GAAP) eine Auflistung allgemein anerkannter Regeln, diese waren jedoch nirgendwo verbindlich fixiert.

In den 60er-Jahren entwickelten sich beide Prüfungsmethoden in Deutschland unabhängig voneinander weiter. Der systematische Ansatz wurde mit den „Grundsätzen ordnungsgemäßer Durchführung von Abschlussprüfungen“ von 1967 formal verstärkt. Aber auch die amerikanische Praxis setzte sich in Europa mehr und mehr durch, verantwortlich hierfür waren in erster Linie die Anforderungen der Mandanten: Bedingt durch eine Konzentrationswelle waren größere, komplexere Unternehmen entstanden, die die Bilanzprüfer vor neue Aufgaben stellten. Gleichzeitig forderten die Unternehmen aber immer häufiger auch eine kürzere und damit kostengünstigere Abschlussprüfung – hierfür schien der amerikanische Ansatz klare Vorteile zu bieten. Hinzu kam, dass immer mehr ausländische Konzerne in Deutschland investierten, die ihre eigenen Prüfer mitbrachten. Die deutschen Prüfer mussten sich damit einem zunehmenden Wettbewerb stellen und fürchteten, dass sie die Auseinandersetzung mit dieser Konkurrenz mittelfristig verlieren würden, wenn sie sich nicht rechtzeitig auf die neuen Erwartungen einstellten.

Bedingt durch die Verbindung mit der amerikanischen Gesellschaft Haskins & Sells hatte die Dr. Wollert – Dr. Elmendorff KG bereits in den 50er-Jahren amerikanische Elemente in ihre Praxis einbezogen. In den 60ern setzte sich die Entwicklung branchenweit fort. So gründete die Südtreu in München 1965 gemeinsam mit englischen Kollegen die „Chalmers & Impey GmbH, Wirtschaftsprüfergesellschaft, Steuerberatungsgesellschaft“ und die DIT in Hannover suchte den Kontakt zum internationalen Netzwerk „Pannell Kerr Forster & Co.“, woraus die DIT-Tochter „Pannell Kerr Forster & Company GmbH“ entstand.

Steigende Nachfrage nach Unternehmensberatung und Siegeszug der EDV 
Zwei weitere Trends bestimmten die Weiterentwicklung in der Branche. Zum einen stieg die Nachfrage nach einer umfassenden und kompetenten Beratung in Fragen des Steuerrechts und auf wirtschaftlich-organisatorischem Gebiet, die zukunftsgerichtet sein sollte und damit eine strategische Bedeutung bekam. Damit eröffnete sich gerade auch für Einzelprüfer und kleinere Prüfungsgesellschaften ein vielversprechender neuer Dienstleistungsbereich. Bereits 1960 hatte die Südtreu daher Beteiligungen an einer Frankfurter und einer Aschaffenburger Beratungsgesellschaft erworben, die Baurevision verfügte seit den 50er-Jahren über die auf Beratungsleistungen spezialisierte Tochtergesellschaft „Süddeutsche Baurevision GmbH.“ Die Dr. Wollert – Dr. Elmendorff KG war zwischen 1963 und 1965 Kommanditistin der Frankfurter „Gesellschaft für Rationalisierung und Betriebsorganisation GmbH & Co. KG“. Die Geschäftsführer der DIT schließlich gründeten 1960 die „ORGAREVI Treuhandgesellschaft für Organisation und Revision mbH“, die betriebswirtschaftliche Beratungen anbot. Vor allem ihr Know-how im Bereich der elektronischen Datenverarbeitung machte die ORGAREVI überaus erfolgreich.

Mit dieser Spezialisierung entsprach die ORGAREVI dem Trend, dass die EDV nach und nach Einzug in deutsche Unternehmen hielt. Schon waren die ersten erschwinglichen Systeme auf dem Markt. Damit sie optimal arbeiten konnten, mussten allerdings adäquate organisatorische Vorarbeiten geleistet werden. Genau hier ergaben sich neue Aufgabenfelder für die beratenden Wirtschaftsprüfer. Die anderen Deloitte-Vorläufergesellschaften setzten ebenfalls auf den neuen Trend. So wurde die Südtreu ab 1966 verstärkt in der EDV-Beratung tätig, die Baurevision baute diesen Bereich 1970 ebenfalls aus.

Die 70er: Wachstum trotz Rezession 
Mit Beginn der 70er-Jahre waren die Zeiten des dauerhaften Aufschwungs vorbei. Der Dienstleistungssektor – und damit auch die Wirtschaftsprüfer – konnten sich jedoch von der allgemeinen Entwicklung weitgehend abkoppeln. Sie profitierten vielmehr von der Krise und legten weiterhin ein akzeptables Wachstum vor. Grund hierfür war die Tatsache, dass gerade in diesen schwierigen Zeiten die Unternehmen besonderen Wert darauf legten, alle Bilanzierungsmöglichkeiten voll auszuschöpfen, um ihre Verluste so gering wie möglich zu halten.

Doch trafen einige Wirtschaftsprüfungsgesellschaften auch aktive Vorkehrungen, um in schweren Zeiten bestehen zu können. Dabei taten sie dasselbe, was sie auch ihren Kunden empfahlen: Sie betrieben eine forcierte Diversifikation ihres Leistungsangebots. Die Geschäftsleitung der Südtreu beispielsweise entschied sich, das Versicherungsgeschäft zu verstärken, rief eine Firma für externe Buchhaltungsdienstleistungen ins Leben und verstärkte die internationale Anbindung der Südtreu, indem sie 1971 mit englischen und amerikanischen Berufskollegen eine multinational besetzten Prüfungsgesellschaft gründeten.

Steuerberatung als Wachstumsmarkt 
Einen Wachstumsmarkt mit attraktiven Potenzialen stellte in den 70er-Jahren vor allem die Steuerberatung dar. Europaweit operierende Unternehmen unterlagen der Doppelbesteuerung, unterschiedlichen Körperschaftssteuern sowie der Besteuerung grenzüberschreitender Unternehmenszusammenschlüsse. Folglich war eine qualifizierte Beratung gefragt. Die Deloitte-Vorläufergesellschaften reagierten: Die Dr. Wollert – Dr. Elmendorff KG baute eine Abteilung für internationales Steuerrecht auf, die Partner der DIT akquirierten eine größere Anzahl von Familienunternehmen, die einer Steuerberatung bedurften. Der traditionell starke Steuerbereich der Südtreu war in den gesamten 1970er Jahren gut bis sehr gut ausgelastet und wurde erweitert. Schließlich verdankte auch die Süddeutsche Baurevision GmbH die Stabilisierung ihrer Umsätze Ende der 1970er Jahre nicht zuletzt ihrer Steuerberatung.

Europäische Harmonisierung & Internationalisierung der Rechnungslegung Währenddessen machte in den 70er Jahren auch die Vereinheitlichung des europäischen Gesellschaftsrechtes erhebliche Fortschritte. Zu den Richtlinien des EG-Ministerrates gehörte u.a. die im Juli 1978 verabschiedete „Vierte Richtlinie des Rates über den Jahresabschluss von Gesellschaften bestimmter Rechtsformen“, die die Offenlegungspflichten der Jahresabschlüsse und die Pflichtprüfung der Abschlüsse auf große GmbHs ausweitete. Die Diskussionen in Deutschland über die Umsetzung der europäischen Bilanzrichtlinie wurden allerdings zunehmend von internationalen Anforderungen an die Rechnungslegung überlagert. Immer mehr große deutsche Unternehmen berücksichtigten in ihren Jahresabschlüssen die Bilanzen ausländischer Töchter und immer häufiger bilanzierten sie zu diesem Zweck auch nach den Vorgaben der US-amerikanischen Börsenaufsicht SEC. Die Unternehmen wurden damit zu Schrittmachern der deutschen Konzernbilanzierung.  

Expansion und Übernahme der Südtreu durch die Dr. Wollert - Dr. Elmendorff KG
Die Internationalisierung der deutschen Wirtschaft veränderte seit den 70er Jahren auch den Markt der Wirtschaftsprüfer. Einzelprüfer und kleinere Sozietäten waren nicht mehr in der Lage, die immer komplexeren Jahresabschlüsse zu testieren. Eine regelrechte Fusionswelle war die Folge. Südtreu, DIT und die Dr. Wollert – Dr. Elmendorff KG expandierten anfangs mit weiteren Standorten und regionalen Kooperationen. Zum 1. Januar 1980 übernahm die Dr. Wollert – Dr. Elmendorff KG die Südtreu und schloss dadurch zu den größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Deutschland auf.   Und nicht zuletzt durch die internationale Kooperation mit Deloitte, Haskins & Sells war das Unternehmen für die Internationalisierung der kommenden Jahre gerüstet.