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Die Anfänge der Wirtschaftsprüfung in England - Die Karriere des William Welch Deloitte

William Welch Deloitte

Gründer und Namenspatron des heutigen internationalen Verbundes der Deloitte-Mitgliedsfirmen ist William Welch Deloitte (1818-1898). Deloitte war erst knapp fünfzehn Jahre alt, als er 1833 in den Dienst eines von der Londoner Stadtverwaltung bestellten Insolvenzverwalters trat. Bereits zwölf Jahre später machte sich der junge Mann als „Public Accountant“, also als öffentlich bestellter Buchhalter, selbstständig und eröffnete sein eigenes Büro in unmittelbarer Nähe des Londoner Insolvenzgerichts. Damals betreuten englische Public Accountants vor allem Insolvenzfälle. Dabei färbten die unerfreulichen Umstände, die ihre Mandanten in den Bankrott geführt hatten, auf das Ansehen der Public Accountants ab. Ihr Ruf verbesserte sich auch dadurch nicht, dass sie oft wenig prestigeträchtigen Nebentätigkeiten als Auktionatoren oder Immobilienmakler nachgingen.

Das Berufsbild des Public Accountants wandelte sich in dieser Zeit zunehmend durch die industrielle Revolution. Sie führte in Großbritannien zu einem bis dahin ungekannten Innovations- und Expansionsschub in allen Bereichen. Die rasche Entwicklung des Eisenbahnnetzes seit den 1830er Jahren beschleunigte den Warenverkehr und erschloss neue Märkte. Um das von den Eisenbahnunternehmen benötigte Kapital bereitstellen zu können, entstanden neue Finanzierungsmodelle, wie etwa die Aktiengesellschaft, die ihrerseits den Kapitalmarkt revolutionierten. Der harte Wettbewerb zwischen den Eisenbahngesellschaften hinterließ allerdings seine Spuren: Die Geschäftsführer einiger Eisenbahngesellschaften hatten teils aus Unfähigkeit, teils aufgrund betrügerischer Machenschaften, den Überblick über die Finanzen ihrer Unternehmen verloren und hatten Konkurs anmelden müssen.

Daraufhin führte das englische Parlament die Verpflichtung ein, eine jährliche Bilanz mit einer Gewinn- und Verlustrechnung aufzustellen und von Aktionärsvertretern prüfen zu lassen. Die Prüfungen und die Prüfer selbst gerieten allerdings schnell in Verruf, da man unterstellte, dass die Prüfungen hauptsächlich der Verköstigung und Belustigung der Prüfer dienen würden, die so freundlich gestimmt werden sollten. Um diesem Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit und bei den Kapitalgebern entgegenzuwirken, zogen die großen Aktiengesellschaften bald freiwillig Public Accountants als externe Sachverständige für ihre Prüfungen hinzu.

Bahnbrechend wirkte dabei die Berufung von William W. Deloitte zum externen Prüfer durch die Great Western Railway Company im Jahre 1849. Da den Aktionären die nötige Sachkenntnis fehlte, um die Ursachen für den überraschenden Kurssturz ihrer Aktien zu klären, beauftragten sie Deloitte mit der Prüfung der Bücher. Diese Prüfung brachte erhebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten zu Tage, sodass vier Vorstandsmitglieder der Gesellschaft zurücktraten. Um das öffentliche Vertrauen in ihr Unternehmen zurückzugewinnen, ließen die Anteilseigner der Great Western Railway Company William W. Deloitte daraufhin die Bücher regelmäßig prüfen. 18 Jahre bevor die externe Pflichtprüfung von Eisenbahngesellschaften im „Railway Companies Act“ (1867) gesetzlich verankert wurde, war Deloitte damit zum ersten unabhängigen Wirtschaftsprüfer einer Eisenbahngesellschaft bestellt worden.

 

Wirtschaftsprüfung im viktorianischen England
Mit der „Lancashire & Yorkshire Railway“, der „London, Chatham & Dover Railway“ und der „Great Northern Railway Company“ gewann Deloitte bald weitere Eisenbahngesellschaften als Mandanten. 1856 beauftragte ihn die „Great Northern Railway Company“ mit der Aufklärung des sogenannten Redpath-Skandals. Leopold Redpath, ein leitender Angestellter des Unternehmens, hatte zur Finanzierung seines aufwändigen Lebenswandels über Jahre hinweg große Summen der Gesellschaft veruntreut. Deloitte konnte durch die Prüfung der Bücher klären, auf welchen Wegen Redpath die Gelder in seine eigenen Taschen umgeleitet hatte.

Die Untersuchung des Redpath-Skandals begründete William W. Deloittes Ruf als Spezialist für Sonderprüfungen. Daher wurde er mehrfach zur Aufklärung von Betrugsfällen herangezogen. Einer der spektakulärsten Fälle seiner Karriere dürfte dabei die Aufdeckung von schweren Veruntreuungen bei der „London & River Plate Bank“ in den frühen 1880er Jahren gewesen sein. Deloitte war von der Bank zunächst nur mit der Prüfung der Bücher in der Londoner Niederlassung beauftragt worden. Als er den Wertpapierbestand der Niederlassung sehen wollte, stellte ihm der Niederlassungsleiter immer nur einzelne Papiere zur Verfügung. Deloitte beharrte aber darauf, den Gesamtbestand in Augenschein zu nehmen. Daraufhin verabschiedete sich der Niederlassungsleiter unter einem Vorwand aus dem Büro und setzte sich nach Paris ab. Da er seine Flucht fast ohne Bargeld angetreten hatte, musste er jedoch schon wenige Tage später aufgeben und nach England zurückkehren. Er stellte sich und gestand, die Wertpapiere der Bank als Sicherheit für einen großzügigen Privatkredit verpfändet zu haben.

Sprunghafte Wirtschaftsentwicklung 
Solche und ähnliche Skandale waren im viktorianischen England keine Einzelfälle. Firmenzusammenbrüche infolge von Unterschlagungen oder Managementfehlern waren eine fast alltägliche Begleiterscheinung der sprunghaften Wirtschaftsentwicklung in dieser Zeit. 1856 legte ein Gesetz verbindliche Kriterien für den Börsengang von Aktiengesellschaften fest, 1862 wurden durch den „Companies’ Act“ die Bedingungen für die Gründung von Gesellschaften mit beschränkter Haftung präzisiert und die Beteiligung externer Prüfer bei der Gründung, während der Geschäftstätigkeit und bei der Liquidation solcher Gesellschaften festgeschrieben. In den Jahren bis 1913 wurden auch für die Bauwirtschaft, die Wasserversorgungsgesellschaften, Banken, Versicherungen und Pensionsgesellschaften jährliche Pflichtprüfungen durch externe Prüfer gesetzlich vorgeschrieben.
In Folge dieser Gesetze stieg der Bedarf an Prüfungsleistungen enorm. Besonders nach dem „Companies’ Act“ von 1862 wurden zahlreiche neue Prüfungsgesellschaften gegründet. William W. Deloitte konnte dabei seine Kanzlei kontinuierlich ausbauen. Mitte der 1850er Jahre beschäftigte er bereits rund 30 Angestellte und musste dennoch immer wieder Aufträge ablehnen, weil er nicht über die erforderlichen Kapazitäten verfügte. 1857 konnte Deloitte den Leiter des Rechnungswesens der "Great Western Railway Company", Thomas Greenwood, als Partner für seine Gesellschaft gewinnen. 1862 fand er in Henry Dever, einem seiner erfahrensten Mitarbeiter, einen dritten Partner. Bis 1890 folgten drei weitere Partner, die Zahl der Angestellten verdoppelte sich.