Die Öffnung der Berliner Mauer im November 1989 markierte das Ende des Ost-West-Konflikts und die Durchsetzung des marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems. Gleichzeitig eröffnete die digitale Revolution den Weg für eine nie gekannte Vernetzung des internationalen Kapitalmarkts, von der auch die deutschen Unternehmen profitierten.
Euphorie und Alltag: Die WEDIT in den neuen Bundesländern
Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung erhielt die so genannte Treuhandanstalt im Sommer 1990 den Auftrag, die ihr unterstellten ehemaligen DDR-Betriebe zu privatisieren und dabei möglichst viele ostdeutsche Arbeitsplätze zu sichern. Diese Aufgabe war nahezu unlösbar. Gemeinsam mit der Treuhandanstalt appellierte die westdeutsche Wirtschaftsprüferkammer an ihre Mitglieder, den Aufbau in den neuen Bundesländern tatkräftig zu unterstützen.
Auch die WEDIT folgte diesem Aufruf. Seit 1990/91 beriet sie bei der Privatisierung ehemaliger Volkseigener Betriebe, sie prüfte D-Mark Eröffnungs- und Umwandlungsbilanzen und unterstützte westdeutsche Mandanten bei Firmenkäufen und -gründungen in den neuen Bundesländern. Neben erfahrenen westdeutschen Kräften setzte die WEDIT in ihren Niederlassungen in Halle, Leipzig, Dresden und Magdeburg vor allem auf Mitarbeiter aus der Region, die intensiv auf ihre Aufgaben vorbereitet wurden. Nicht zuletzt durch diese starke lokale Anbindung behauptete sich die WEDIT auch nach Abflauen der ersten Wiedervereinigungseuphorie erfolgreich in Ostdeutschland.
Die europäische Harmonisierung der Rechnungslegung kommt voran …
… und wird von der internationalen Entwicklung überholt
Parallel zum Umbruch in Osteuropa wurde in Westeuropa der EU-Binnenmarkt vollendet und die Währungsunion umgesetzt. 1990 wurden zentrale EU-Richtlinien zur Harmonisierung des Gesellschafts- und Steuerrechts verabschiedet, die in den folgenden Jahren schrittweise auch in deutsches Recht umgesetzt wurden.
Die europäischen Unternehmen machten ihre Geschäfte jedoch längst auf der ganzen Welt und mussten daher bei ihrer Rechnungslegung internationale Standards berücksichtigen. Dies galt vor allem für Firmen, die auf den US-amerikanischen Kapitalmarkt strebten, wo eine Bilanzierung nach GAAP vorgeschrieben ist. Daneben gewannen außerhalb Europas die International Accounting Standards (IAS, seit 2002 International Financial Reporting Standards IFRS) immer mehr an Gewicht. Dadurch ergab sich eine Fülle neuer Aufgaben für die Wirtschaftsprüfer und Berater der WEDIT. Sie unterstützten ihre Mandanten bei der Entscheidung zwischen GAAP und IAS-Abschlüssen oder bei der Umsetzung dieser Vorschriften und wurden für die Prüfung von Bilanzen nach IAS oder GAAP herangezogen.
Neue Dynamik: Corporate Finance, internationale Steuerberatung und Unternehmensberatung
Die zunehmende Internationalisierung beschränkte sich allerdings nicht auf den Bereich der Wirtschaftsprüfung: Seit Mitte der 90er-Jahre unterstützten die Experten der Corporate Finance-Abteilung kapitalmarktorientierte Mandanten in allen Fragen der Finanzierungs- und Beteiligungsstrukturierung. Auch die Steuerberatung richtete sich verstärkt auf die Fragen der steuerlichen Belastung im In- und Ausland aus. Durch diesen Ausbau bestätigte die WEDIT ihren Ruf als Anbieter von Beratungs- und Prüfungsleistungen und schloss endgültig zur Spitzengruppe der deutschen Prüfungs- und Beratungsgesellschaften auf.
Unter dem Eindruck von Wiedervereinigung, Globalisierung und der Umorientierung auf eine am Shareholder Value orientierte Unternehmensführung erlebte auch die Unternehmensberatung einen Boom, der die Entwicklung der 80er-Jahre noch in den Schatten stellte. Zwischen 1990 und 1999 verdoppelte die Beratungsbranche in Deutschland ihren Umsatz – auch die WEDIT baute in den 90er-Jahren ihr Angebot an Beratungsleistungen kontinuierlich aus. Ein Urteil des Bundesgerichtshofes vom April 1997, mit dem die rechtliche Vereinbarkeit von Prüfung und Beratung bestätigt wurde, bestätigte die WEDIT in ihrem Kurs, alle Dienstleistungen aus einer Hand anzubieten. Und das mit großem Erfolg: Am Ende des Jahrzehnts betrug der Anteil des Consulting an den Umsatzerlösen der WEDIT knapp 40 Prozent.
Deutschland im Aktienrausch
Die 1996 als „Volksaktie" auf den Markt gebrachte T-Aktie und die atemberaubenden Kursgewinne vieler „Dotcom-Unternehmen" auf dem 1997 gegründeten Neuen Markt verleiteten auch zahlreiche Kleinanleger, an der Börse zu investieren. Der DAX boomte, die deutschen Privatanleger waren im Aktienrausch.
Die Ernüchterung folgte, als viele hoch bewertete Unternehmen die Erwartungen an ihre Ertragsfähigkeit nicht erfüllen konnten. Der NEMAX rutschte ins Bodenlose. Zusätzlich erschütterte eine Serie milliardenschwerer Bilanzskandale in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre die Bundesrepublik. Sie veranlassten den Gesetzgeber 1998, mit dem Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) die Regeln zur internen Risikoüberwachung in den Unternehmen zu verschärfen, die Offenlegungspflichten zu erweitern und die Qualitätsanforderungen an die Abschlussprüfung zu verschärfen.
Interne Qualitätskontrolle bei der WEDIT
Bei der WEDIT hatten entsprechende Standards bereits vor Inkrafttreten des KonTraG Tradition. Aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit mit Deloitte Haskins & Sells hatte man sich bereits sehr früh mit der amerikanischen Qualitätssicherungsdiskussion auseinandergesetzt und entsprechende Verfahren eingeführt. In den 90er-Jahren wurde dieses interne Sicherungssystem im internationalen Netzwerk weiter ausgebaut. Die Einführung einer international übergreifenden Prüfungssoftware ermöglicht seit 1994 grenzüberschreitende Prüfungen auf einheitlich hohem Qualitätsniveau sowie die Durchführung so genannter Inter Office Reviews, bei denen die DTT-Mitgliedsfirmen und -büros ihre Arbeit einer gegenseitigen Qualitätskontrolle unterziehen.
Von der WEDIT zu Deloitte
Der Ausbau des internen Qualitätssicherungssystems war Teil eines vom DTT-Netzwerk im Laufe der 90er-Jahre eingeleitenden umfassenden Integrationsprozesses. Bereits zu Beginn des Jahrzehnts hatte das Netzwerk die Rechtsform des Vereins schweizerischen Rechts angenommen. Um die gemeinsamen Qualitätsstandards auch nach außen zu verdeutlichen, vereinbarten die Vereinsmitglieder einen international einheitlichen Markennamen. In Deutschland rückte die Firma WEDIT daher seit Ende der 90er-Jahre zugunsten des Markennamens immer mehr in den Hintergrund. Heute treten die Mitglieder des Deloitte-Verbunds weltweit unter dem Markennamen Deloitte auf.