Deloitte gewann mit der „Lancashire & Yorkshire Railway“, der „London, Chatham & Dover Railway“ und der „Great Northern Railway Company“ bald weitere Eisenbahngesellschaften als Mandanten. 1856 beauftragte die „Great Northern Railway Company“ Deloitte mit der Aufklärung des sogenannten Redpath-Skandals. Leopold Redpath, ein leitender Angestellter des Unternehmens, hatte zur Finanzierung seines aufwändigen Lebenswandels über Jahre hinweg große Summen der Gesellschaft veruntreut. Deloitte konnte durch die Prüfung der Bücher klären, auf welchen Wegen Redpath die Gelder in seine eigenen Taschen umgeleitet hatte.
Die Untersuchung des Redpath-Skandals begründete William W. Deloittes Ruf als Spezialist für Sonderprüfungen. Daher wurde er mehrfach zur Aufklärung von Betrugsfällen herangezogen. Einer der spektakulärsten Fälle seiner Karriere dürfte dabei die Aufdeckung von schweren Veruntreuungen bei der „London & River Plate Bank“ in den frühen 1880er Jahren gewesen sein. Deloitte war von der Bank zunächst nur mit der Prüfung der Bücher in der Londoner Niederlassung beauftragt worden. Als er den Wertpapierbestand der Niederlassung sehen wollte, stellte ihm der Niederlassungsleiter immer nur einzelne Papiere zur Verfügung. Deloitte beharrte aber darauf, den Gesamtbestand in Augenschein zu nehmen. Daraufhin verabschiedete sich der Niederlassungsleiter unter einem Vorwand aus dem Büro und setzte sich nach Paris ab. Da er seine Flucht fast ohne Bargeld angetreten hatte, musste er jedoch schon wenige Tage später aufgeben und nach England zurückkehren. Er stellte sich und gestand, die Wertpapiere der Bank als Sicherheit für einen großzügigen Privatkredit verpfändet zu haben.
Sprunghafte Wirtschaftsentwicklung
Solche und ähnliche Skandale waren im viktorianischen England keine Einzelfälle. Firmenzusammenbrüche infolge von Unterschlagungen oder Managementfehlern waren eine fast alltägliche Begleiterscheinung der sprunghaften Wirtschaftsentwicklung in dieser Zeit. 1856 legte ein Gesetz verbindliche Kriterien für den Börsengang von Aktiengesellschaften fest, 1862 wurden durch den „Companies’ Act“ die Bedingungen für die Gründung von Gesellschaften mit beschränkter Haftung präzisiert und die Beteiligung externer Prüfer bei der Gründung, während der Geschäftstätigkeit und bei der Liquidation solcher Gesellschaften festgeschrieben. In den Jahren bis 1913 wurden auch für die Bauwirtschaft, die Wasserversorgungsgesellschaften, Banken, Versicherungen und Pensionsgesellschaften jährliche Pflichtprüfungen durch externe Prüfer gesetzlich vorgeschrieben.
In Folge dieser Gesetze stieg der Bedarf an Prüfungsleistungen enorm. Besonders nach dem „Companies’ Act“ von 1862 wurden zahlreiche neue Prüfungsgesellschaften gegründet. William W. Deloitte konnte dabei seine Kanzlei kontinuierlich ausbauen. Mitte der 1850er Jahre beschäftigte er bereits rund 30 Angestellte und musste dennoch immer wieder Aufträge ablehnen, weil er nicht über die erforderlichen Kapazitäten verfügte. 1857 konnte Deloitte den Leiter des Rechnungswesens der "Great Western Railway Company", Thomas Greenwood, als Partner für seine Gesellschaft gewinnen. 1862 fand er in Henry Dever, einem seiner erfahrensten Mitarbeiter, einen dritten Partner. Bis 1890 folgten drei weitere Partner, die Zahl der Angestellten verdoppelte sich.
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